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Gottesdienst am 18.01.2015 (2. Sonntag n. Epiphanias)

Kirchenkino I: Vaya con dios

Schriftlesung: Joh 2,1-11 (Evang./Predigttext)
Lieder: EG447,1-3.7.8 ; Ps EG 307; 573; 369; 575; 398; 435


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen Amen.
Wochenspruch Das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden. Joh 1,17
Herzlich willkommen zum Filmgottesdienst. Vaya con dios – gehen wir mit Gott, auch die liturgischen Schritte durch unseren Got-tesdienst jetzt. Eines hat unser Film gestern Abend (und sicherlich auch beim 1. Mal vor 10 Jahren) mit Sicherheit geschafft: Der Gesang der Mönche hat nicht nur eine Film-Chiara, er hat alle uns Zuschauer/innen bezaubert. Mag der Orden der Cantorianer auch noch so fiktiv sein – dieser Gesang ist sehr real und sehr reell; und so geht er unter die Haut und ins Herz.
Und er fordert uns heraus, nun unsererseits nachzuschauen und auszuprobieren, was denn unser Gesangbuch so hergibt für unseren gottesdienstlichen Gesang. Susanne Abraham-Heim und ich haben uns in der Vorbereitung dieses Gottesdienstes entschieden: wir fahren das volle Programm. Und jetzt brauchen wir nur Sie, alle, dass Sie mitma-chen. Beginnen wir also mit unserem Morgenlied „Lobet den Herren, all die ihn ehren“ – das dürfte hinlänglich bekannt sein, das lernen unsere Kinder ja schon in der 3. Grundschulklasse auswendig. Bekannt – auch im 4-stimmigen Satz? EG 447
Auch unser Psalmgebet soll heute komplett gesungen werden, so mehrstimmig natürlich, wie es geht. EG 307 – die Seligpreisungen; hier nicht in der Art des Cantorianerordens, den es ja gar nicht gibt; sondern aus der russisch-orthodoxen Liturgie sind diese Seligpreisungen in unser Gesangbuch hineingekommen: Kehrvers (Antiphon) und je zwei Seligpreisungen zusammen gebunden, mehr gesprochen als gesungen …
Gebet – Stilles Gebet
Schriftlesung: Joh 2,1-11
Noch ist Zeit, das Magnificat zu singen, den Lobgesang der Maria, der uns hier im Chor der Kirche durch die Unterbrechungen in der Adventszeit begleitet hat. EG 573 ein vierstimmiger Doppelkanon, wir können uns also bis in die 8-Stimmigkeit hinauf steigern

Liebe Gemeinde!
Vaya con dios, geh mit Gott; folge deiner inneren Stimme.
Sagt sich einfach; geht in Wirklichkeit jedoch nicht ganz so ein-fach.
Wissen wir alle; haben alle unsere Erfahrungen damit gemacht. Und warum geht das in Wirklichkeit nicht so einfach?
Weil die Wirklichkeit nie bloß ein-fach ist.
Es gibt immer auch das Andere, den Anderen/die Andere; es gibt immer auch die andere Seite, den anderen Blickwinkel; die andere Welt, das Fremde; das mir Fremde. Weil das, was mir vertraut vor-kommt, dem anderen, mir Fremden, möglicherweise ebenfalls sehr fremd erscheinen wird. Und dann haben wir ein echtes Kommunikati-onsproblem.
Ja, in Wirklichkeit ist alles noch viel komplizierter. Es sind ja nicht bloß zwei Welten, es sind ganz viele Welten, die gleichzeitig ne-beneinander, gegeneinander, über- und untereinander herlaufen, durch-einander laufen, sich kreuzen und queren, sich blockieren und sich be-schleunigen. Wer soll da noch der Überblick behalten?
Wenn es nur zwei Welten gäbe, die sich fremd gegenüber ste-hen, wie in unserem Film, dann wäre alles ja immerhin doch noch recht einfach. Aber in Wirklichkeit ist alles noch viel komplizierter.
Dort aber sind es zwei Welten. Die zunächst einmal gar nix miteinander zu tun haben: die geschlossene Klosterwelt der Cantorianer (oder des kleinen Häuflein Mensch, das da noch übrig geblieben ist) – diese Welt ist uns ziemlich fremd. Und die andere Welt, die eigentlich auch unsere, uns vertraute Welt ist: die Chiara-Welt, in der Auto gefahren wird und Eisenbahn, in der Geld verdient und Geld ausgegeben wird; in der, auch das ist wahr, Giftmüll klammheimlich, zwar kostengünstig, aber illegal entsorgt wird; und es dann ein Wettrennen gibt, welche Zeitung den Skandal zuerst in den Schlagzeilen hat. Unsere ganz normale Welt, in der ein pleite gegangenes Kloster eben eine Immobilie ist, die Gewinn abzuwerfen hat, und wenn nicht, dann eben meistbietend weiterverkauft wird. Das war’s dann. So ist das, wenn die eine Welt machtvoll und skrupellos in die andere Welt einbricht.
Dann bricht die andere Welt zusammen; nicht wahr? Und der Abt hat diesen Zusammenbruch nicht überlebt.
Aber die verbliebenen drei Brüder. Doch auch sie können nicht in ihrer Kloster-Welt bleiben. So machen sie sich auf ihren Weg durch die andere, ihnen so fremde Welt – und die (Film-) Geschichte nimmt ihren Lauf.
Glaube und Welt – zwei sich oftmals so fremd gegenüber-stehende Welten. Die Weltfremdheit des Glaubens. Und die Glaubens-fremdheit der Welt.
Meine These dazu lautet: die Isolierung voneinander tut weder der einen Welt noch der andern Welt wirklich gut. Denn beide haben etwas, was der jeweils anderen Welt wirklich fehlt. Ein weltfremder Glaube ist genauso verderblich, wie eine glaubensfremde Welt verderb-lich ist.
Lebendig wird das Leben jedoch da, wo diese voneinander iso-lierten, sich denkbar fremden Welten, in Kontakt zueinander kommen; wo sie sich berühren. Wo sie sich begegnen. Da wird’s lebendig, da funkt’s. Das können durchaus böse Funken sein (wie bei der Immobi-lienmaklerin, als sie das Kloster betritt). Das können aber auch ganz andere Funken sein. Beweis? Schauen wir‘s uns noch einmal an ……
Szene: Chiara geht dem fremden Gesang nach… (25.20 – 28.00)
EG 369, 1-2 Wer nur den lieben Gott lässt walten …
Vom Unbekannten angelockt zu werden, neugierig zu werden auf das ganz Andere; vom Fremden sich berühren lassen – das ist etwas völlig anderes, als in die fremde Welt einzubrechen und sie sich unter den Nagel zu reisen. Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht; meine ich, ein Unterschied wie Tod und Leben.
Aber so einfach ist das nicht, in der Welt. So einfach ist das nicht, mich in der anderen, und mir fremden Welt zurecht zu finden.
Das eine Problem ist die völlige Ahnungslosigkeit. Unsere drei Helden im Film haben ja wirklich keine Ahnung davon, was z.B. ein Gleis in Wirklichkeit bedeutet; und deshalb haben sie auch keine Angst – warum auch? Sie sind ahnungslos; können die Gefahren nicht ein-schätzen, die da auf den Gleisen drohen können. Wenn ein Zug kommt. Und wenn auf dem anderen Gleis auch ein Zug kommt. Und wenn die Züge aneinander vorbei rasen. Das wäre um ein Haar schief gegangen; für unsere drei Brüder. Dass sie noch leben, ist wie ein Wunder. Und tatsächlich ist unsere Glaubensüberlieferung voll von Wundergeschichten, an solchen Stellen.
Szene mit den sich begegnenden Zügen….(15.37 – 17.50)
Die Ziege hat’s aber nicht überlebt. Ist zwar bloß die Ziege, könnten wir denken (sollten jedoch nicht so denken!). Aber das könnte uns trotzdem vorsichtig werden lassen, mit dem Wunderglauben.
EG 269, 3-4 Man halte nur ein wenig stille und sei doch in sich selbst vergnügt …
Die Ahnungslosigkeit.
Und das andere Problem, das sind die Versuchungen, die auf dem Wege lauern. Die Versuchungen, die vom rechten Weg, die vom Ziel ablenken. Das Ziel, so will es das Arrangement in unserem Film, das Ziel ist es ja, die Ordensregel aus dem aufgelassenen Kloster sicher zum Mutterkloster zu bringen. Und der Weg zu diesem Ziel führt aus dem Brandenburgischen durch halb Europa in die Toskana.
Für zwei der drei Brüder gab es ja schon ein Leben vorher, vor der Zeit im Cantorianer-Orden. Tassilo, der beleibte Bauerssohn, wäre um ein Haar in diesem seinem alten, kindlich-lustvoll auf dem Traktor wieder neu entdeckten Leben auf dem heimatlichen Bauernhof hängen geblieben – Ordensregel hin oder her. Tassilo – er steht für die Versu-chungen des Bauches (bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Seine Brot werden…. Mt 4,3).
Benno, der bibliotheksvernarrte Benno, ist der 2. Abtrünnige unseres Kleeblattes geworden. Wenn Tassilo die Bauchzone ist, dann ist Benno der Kopf, der für die Verführungen des Intellekts steht (… das alles will ich dir geben, wenn du vor mir niederfällst und mich an-betest …. Mt 4,9) Und tatsächlich wäre Benno wirklich vollends aufge-gangen und vollends verloren gegangen in seiner Welt der musikhisto-rischen Studien seines alten Jesuiten-Ordens (und den gibt es tatsäch-lich, wenn auch noch in einer anderen als der im Film gezeichneten Version), wäre da nicht Arbo dazwischen gegangen; Arbo, der letzte der drei, der sich noch an den Gesang der Cantorianer erinnern konnte.
Arbo, der mit Abstand jüngste in der Runde; Arbo, der als klei-nes Findelkind einst im Kloster aufgenommen worden war, und für den es als einzigen wirklich überhaupt keine andere Welt gab als eben die Welt dieses Klosters. Und der außerhalb seiner ihm vertrauten Kloster-welt nun in Gestalt Chiaras der fremden Welt des anderen Geschlechts begegnet. Wenn Bennos Versuchung auf der Kopfebene liegt, und Tas-silos Versuchung auf der Bauchebene liegt, dann liegt für Arbo die Versuchung noch eine Etage tiefer.
Sie sind sich ja ziemlich nahe gekommen im weiteren Verlauf des Filmes; in der Bibel haben wir dazu den schönen alten Ausdruck „sie haben sich erkannt….“. Aber schauen wir noch mal, wie vorsichtig das alles angefangen hatte:
Szene Chiara-Arbo 29.45 – 32.36
Alle drei haben sie ihren Weg; haben auch ihre 3 Abwege, gleich mitgeliefert. Und sind gestolpert, sind hängengeblieben. Arbo insbesondere, der seine Höllenfahrt auf dieser Schicki-micki-Party erlebt hatte, zu der sie ihn abgeschleppt hatte. Schauen wir noch einmal darauf, wie ganz am Schluss sich alles noch glücklich fügt: Ausgerechnet der, der die andern beiden von ihren Abwegen wieder zurückgerufen hat mit dem vertrauten Klang, in dem nach der abtrünnigen und doch so wahren Lehre der Cantorianer Gott selbst verborgen ist, ausgerechnet der verlässt als einzige den Orden tatsächlich. Was für ein vollendeter, geistreicher Dialektischer Schluss: Während Benno und Tassilo zurück finden und bei ihrem Orden bleiben, ist der junge Arbo der einzige, der den Orden verlässt. Aber er tut dies, um dessen innerster Regel gehorsam zu sein: Er ist der Stimme gefolgt ….
Schlussbild 95.47
EG 369, 5-7 Denk nicht in deiner Drangsalshitze, dass du von Gott verlassen seist… Amen.