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Gottesdienst am 25.01.2015 (3./Letzter Sonntag n.Ep.)

Kirchenkino II: Monsieur Claude und seine Töchter
Text: Lk 13,29

Schriftlesung: Jes 60,1-5 oder Mt 17,1-9
Lieder: EG 454 ; 726 Ps 47 + EG 337; 601; 272; 293; 181.6

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, und die Liebe Gottes, du die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
Wochenspruch: Über dir geht auf der Herr, und seine Herrlich-keit erscheint über dir. Jes 60,2
Eigentlich schade, dass heute schon der letzte Sonntag nach E-piphanias ist, und wir uns somit vom Weihnachtsfestkreis heute verab-schieden. Der Wochenspruch auf den 3. Sonntag nach Epiphanias hätte nämlich noch besser zu Monsieur Claude und seiner Familie gepasst, wie sie so von Hochzeit zu Hochzeit immer internationaler geworden ist. Anlass für mich, auch unser EG auf seine Internationalität hin abzu-klopfen – und siehe da: es gibt einiges her dazu. Aber ganz so globali-siert wie die Familie Verneuil in der französischen Provinz – das schaf-fen wir mit unserem EG trotzdem nicht. Auf und macht die Herzen weit – das mussten Monsieur und Madame, gestern Abend im Film, samt ihrer internationalen Gesellschaft von Schwiegersöhnen – die Töchter selber waren ja so etwas wie der ruhende Pol in der ganzen Geschichte; die Herzen weit und den Kopf klar - das machen wir jetzt auch: EG 454 – die Melodie ist nämlich ein chinesischer Tempeltanz (und der einzig einschlägige in unserem EG!).
Weiter geht’s in unserer gottesdienstlichen Liturgie international – mit dem Überblick, der von ganz oben kommt: aus Ps 47 …
Herr, erwecke deine Kirche und fange bei mir an.
Herr, baue deine Gemeinde auf und fange bei mir an.
Herr, lass Frieden und Gotteserkenntnis überall auf Erden kommen
und fange bei mir an.
Herr, bringe deine Liebe und Wahrheit zu allen Menschen
und fange bei mir an. (Gebet aus China; EG S. 485)
Auch bei der Schriftlesung bleiben wir global – wobei in der Antike die Globalität ja nur 3 Erdteile kannte. Aber seit dem Epiphaniasfest wissen wir ja, wie Mt in seiner Weihnachtsgeschichte deren Repräsentanten, also sozusagen die ganze Welt, beim neugeborenen Christ-König versammelt – vgl den Holzschnitt im EG S. 162, bei Lied 66 Jesus ist kommen Grund ewiger Freude – Erkennen Sie, welcher der drei Könige aus Europa, aus Asien, aus Afrika kommt??? Vorgefunden hat Mt seine Weisheit jedoch im Buch des Propheten Jesaja:
Schriftlesung: Jes 60,1-5
EG 601 Kommt herbei, singt dem Herrn - jetzt nicht mehr chi-nesisch, sondern aus Israel…
Liebe Gemeinde!
4 Töchter haben Monsieur Claude und Madame Marie. Und 3 Hochzeiten waren schon, auf dem Rathaus, leider nur auf dem Rathaus: keine einzige christliche Trauung darunter. Und auch keine Taufe! Die helle Freude von Opa und Oma über die wachsende Zahl der Enkelkin-derlein ist ein wenig, aber doch recht entscheidend getrübt, weil keines sie so ganz eindeutig mitteleuropäisch-gutkatholisch anlächelt. Alle Hoffnungen hängen jetzt an der jüngsten, die „uns ja noch nie ent-täuscht hat…“ wie sich Monsieur Claude ganz sicher zu sein scheint. Und tatsächlich: der vierte Auserwählte spricht nicht nur ein astreines Französisch, ist samt seiner Herkunftsfamilie nicht nur einwandfrei katholisch wie sich’s gehört, sieht nicht nur bodengut aus … ist jedoch – und das Papa und Mama offen zu gestehen hat sich Laure, die jüngs-te, doch tatsächlich nicht getraut: er ist halt ein Schwarzer. Und: er ist Komiker, ausgebildeter Schauspieler: Darauf hättest du mich doch vor-bereiten können, dass deine Eltern Weiße sind.., sagt er zu Laure, wohlgemerkt nicht zu ihren Eltern. – und damit hat er gewonnen. Ja, wir haben viel gelacht gestern Abend. Aber warum eigentlich – und worüber – haben wir gelacht?
Dass der gutbürgerliche Monsieur Claude in der traditionellen Kleidung seines afrikanischen Gegenschwiegers André, die dieser zuhause in der Elfenbeinküste niemals tragen würde, doch gar keine so üble Figur macht? Patriarch hin, Patriarch her – die Rollen sind austauschbar wie die Kostüme.
Dass der allzu schmächtig geratene Schwiegersohn Chiao Ling aus China dem etwas zu unflätig geratenen Schwager David aus Israel in aller Liebenswürdigkeit und Zurückhaltung mit einem klaren Handkantenschlag vor die Kehle zeigt, wo die Grenze ist? Und Rachid daneben steht und froh ist, dass es ihn nicht erwischt hat?
Oder haben wir darüber gelacht, wie der fromme Pater im Beichtstuhl auf eine noch etwas frömmere Marie erst genervt und dann wenig pastoral reagiert? Oder hat uns Maries Psychotherapeut amüsiert: … und was glauben Sie? … - wenn da die Depressionen und Hysterien nicht von alleine wie weggeblasen sind…
Der globalisierte Schneemann immerhin mit Schlitzaugen, Kippa und Vollbart war ja auch sehr lustig anzuschauen, auch die internationale und interreligiöse Schneeballschlacht, mit dem Voll-treffer am Schluss auf Claudes Auge – da immerhin konnte er bereits selber schon lachen – war für ihn ja nicht mehr der erste interkulturelle Schock.
Schauen wir uns nochmal im Film an, wie kompliziert sich die Vorbereitungen auf dieses interkulturelle Weihnachts-/Versöhnungsfest für jede/n der Beteiligten gestalten:
Filmsequenz 20.55 – 24.47
Auf den zweiten Anlauf gelingt die interkulturelle Verständi-gung beim Weihnachtsmenü also dann schon viel besser als bei der ersten katastrophal verlaufenden Zusammenkunft; nicht zuletzt dank Maries dreifacher, dreifach prächtiger Pute: koscher die eine, halal die andere, asiatisch mariniert die dritte. Aber während sich die vier Män-ner mit etwas alkoholischer Nachhilfe dann im Wohnzimmer inbrünstig der Marseillaise widmen, treffen sich die vier Frauen beim Abwasch in der Küche, mit einem „Hach, so sind sie halt die Männer, wenn sie sich erst mal betrunken ins Herrenzimmer zurückziehen“. Und unwillkürlich denkt man: diese Art gender-Praxis kennt man doch irgendwie…
Ob das Christkind in der Krippe und aller König alle interreli-giösen Verwicklungen überstrahlen kann? Schauen wir uns diese Szene doch auch noch einmal an: 26.34 – 27.44
Und dann toppt schließlich Charles Auftritt die interkulturellen melange à trois: Schwarz – das hat uns gerade noch gefehlt. Wenigstens in dieser Ablehnung sind sich jetzt plötzlich alle einig: so, wie sich Laure das vorstellt, so geht es wirklich nicht. Rachid, David und Chiao Ling sind sich einig: ein Moslem aus dem Maghreb, ein sephardischer Juden aus Tel Aviv und einen Chinese als Schwiegersöhne sind ja schon mehr als genug; mehr kulturelle Vielfalt geht jetzt wirklich nicht mehr in der beschaulichen französischen Provinz. Auch Isabell, Segolèné und Odile sind sich einig gegen die vierte und jüngste („das kannst du doch unseren Eltern jetzt wirklich nicht mehr zumuten“). Ja sogar André und Claude, die äußersten Antipoden sind sich einig: diese (vierte) Hochzeit muss auf jeden Fall verhindert werden: eine weiße Braut für Charles geht genau so wenig wie ein schwarzer Bräutigam für Laure. Und über Nacht wachsen ihnen noch weitere Gemeinsamkeiten: zwei Patriarchen wie im Buch, beides stramme Gaullisten und Antikommunisten, beide dem Alkohol nicht ganz abgeneigt. Und über die Finanzierung des Festes wird man sich schon noch einigen, zumal Andrès vielhundertfacher, über die ganze Welt verstreuter Familien-clan in der Realität doch recht überschaubar ist.
Ganz am Ende, in der Schlussszene hat sich dieser Clash of cultures auf Familienebene in einem fröhlichen Hochzeitsfest zu heißen Rhythmen einer Weltmusik aufgelöst. Und man fragt sich unwillkürlich, ob Regisseur Philippe de Chauveron vielleicht sich als Fluchtpunkt seiner Komödie geradewegs unseren Wochenspruch auf den dritten Sonntag nach dem Epiphaniasfest gewählt haben könnte (der heute ja auch sein könnte, wenn es nicht schon der letzte Sonntag nach Epiphanias wäre); als einen Fluchtpunkt, auf den alle Linien hinauslaufen. Immerhin hat dieser Sonntag als Thema: der Heiland der Völker. Vorgestellt wird uns dieser Heiland der Völker in dem schönen Wochenspruch aus Lukas 13: Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tische werden im Reich Gottes.
Bei den Verneuils sind sie ja tatsächlich zusammen gekommen, aus allen Himmelsrichtungen und Kulturen. Natürlich wird in dieser Schlussszene im Film kein Abendmahl gefeiert, sondern bloß ein fast ganz normales Hochzeitsfest. Und denken wir dabei ruhig auch noch einmal an die Hochzeit zu Kana, von der wir am letzten Sonntag als Evangelium gehört haben. Natürlich ist damit noch nicht das Reich Gottes auf Erden ausgebrochen. Aber, andersherum gefragt: - sind wir am Ende des Filmes dem Reich Gottes nicht doch ein bisschen näher gerückt, als wir es am Anfang des Filmes waren?
Wissen wir jetzt nicht ein bisschen besser, was für ein ausge-kochter Unsinn diese Rede vom clash of cultures, vom Kampf der Kul-turen ist? Und wenn wir das jetzt wirklich ein bisschen besser wissen, wie unsinnig dieses Gerede von diesem angeblichen Kampf der Kultu-ren ist, dann sollten wir das auch wirklich so sagen, und zwar in aller Öffentlichkeit: klar und ruhig überlegt; und durchaus lieber mit franzö-sisch-leichtem Humor als mit deutsch-bitterem Bierernst.
Nochmals also: Worüber haben wir gestern Abend nun eigent-lich gelacht? Weil wir vielleicht in dieser gutbürgerlichen Ehe zwischen bigottem Katholizismus und bourgoisem savoir-vivre wie in einem Spiegel den eigenen kleinen Rassismus in uns entdeckt haben – aber ihn uns zum Glück noch so weit vom eigenen Hals weghalten konnten, weil er ja doch immer nur die anderen, nicht etwa uns selber beträfe? Au fond, on est tous un peu rassiste, non? Rachid hat doch den Nagel auf den Kopf getroffen: im Grunde ist doch jede/r von uns ein bisschen rassistisch. Und – ist das deshalb nicht eigentlich auch irgendwie okay?
Und überhaupt – man wird doch auch mal noch sagen dürfen…. – und schon sind den Ressentiments Tür und Tor geöffnet. Und das ist dann plötzlich nicht mehr so einfach lockig-flockig-komödiantisch. Sondern das ist dann pegida in Dresden, und noch etwas ärger legida in Leipzig usw.; und das ist dann keineswegs mehr zum Lachen. So wie die politischen Realitäten im Le-Pen-Frankreich eben auch nicht mehr zum Lachen sind.
Denn diese Ressentiments sind eine nicht zu leugnende Realität; sie speisen sich aus einer mächtig sprudelnden Quelle: nämlich aus den nicht verarbeiteten, aber für den einzelnen doch sehr deutlich spürbaren negativen Folgen der Globalisierung. Was da hochkocht – ist das nicht der verletzte Stolz der Verlierer/der Looser einer global operierenden, sich alles, und eben auch das tagtägliche Leben unter den Nagel reißenden Finanzwirtschaft? Diese tagtäglich im eigenen Leben erfahrene Ohnmacht, dieses ominöse „da-komme-ich–nicht-mehr-mit“-Gefühl, dieser verletzte Stolz sind es schließlich, die sich ihre Opfer dann selber suchen. Und die Schuldigen auch wirklich ausmachen – bloß nicht dort, wo die tatsächlichen Ursachen ihrer persönlich erfahrenen Miseren und Verunsicherungen in Wirklichkeit stecken:
Ein Prozent der Weltbevölkerung wird 2016 die Hälfte des ge-samten weltweiten Wohlstandes besitzen – meldet mir letzte Woche meine Zeitung unter der warnenden Überschrift: Soziale Ungleichheit wächst rasant. Und erst gestern haben die Nachrichten gemeldet, dass für eine wachsende Zahl in der arbeitenden Bevölkerung bei uns der Lohn, den sie für ihre Arbeit bekommen, nicht ausreicht, um das tägli-che Leben zu finanzieren.
Die Angst vor einer angeblichen Islamisierung des sog. „christ-lichen Abendlandes“ ist eine aufgesetzte, eine irreale Angst, angefacht und aufgeheizt von den Rattenfängern der extremen Rechten, die sich an die Spitze der Bewegung setzen.
Davon zu unterscheiden sind jedoch die wahren und nur allzu berechtigten Ängste: die Angst davor, dass eine völlig entfesselte, für sämtliche nationalen politischen Instanzen unerreichbare und von ihnen nicht mehr kontrollierbare globale Finanzwirtschaft eine globale Be-drohung geworden ist: für jede/n Einzelne/n, egal wo auf der Welt wir zuhause sind, wie für die Gesamtheit aller; eine Bedrohung für Wohl-stand und sozialen Ausgleich, für Gerechtigkeit und Frieden, Leben und Überleben auf diesem Planeten.
Wo wollen wir eigentlich hin, mit unserer Welt und mit unserem Leben in dieser und auf dieser Welt – wir vom Norden und vom Süden, vom Osten und vom Westen; wohin wollen wir denn sonst, wenn es unser Ziel nicht mehr sein sollte, einst am Tische des Reiches Gottes zu sitzen? Welches andere Ziel gäbe es denn, das uns dieses Ziel aus den Augen nehmen könnte! Ich wüsste keines – und Sie? Amen.
Wer Frieden sucht, wird den andern suchen,
wird Zuhören lernen,
wird das Vergeben üben,
wird das Verdammen aufgeben,
wird vorgefasste Meinungen zurücklassen,
wird das Wagnis eingehen,
wird an die Änderung des Menschen glauben,
wird Hoffnung wecken,
wird dem andern entgegengehen,
wird zu seiner eigenen Schuld stehen,
wird geduldig dranbleiben,
wird selber vom Frieden Gottes leben -
Suchen wir den Frieden?
Schalom Ben-Chorin, im EG S. 804