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VergissmichnichtPredigt Kino in der Kirche: Vergissmichnicht (Mk 10,13-16)

Liebe Gemeinde,

hier ist alles heiß! Der Kaffee, die Geschäfte, sogar der Terminplan. Perfekte Minutentaktung. Margret hat vielleicht nicht alles erreicht, aber sehr viel! Und doch begegnet schon zu Beginn des Film eine entscheidende Frage: Wer bin ich? Elenore Roosevelt, Virginia Wulf, Liz Taylor, Marie Curie, Maria Callas, Mutter Theresa, Coco Chanel? Die Schublade ist voller Alternativen. Wer bin ich?

Der Film ist im Grunde eine große Schatzsuche. Durch-zogen von einer großen Verheißung: Wer sich auf die Suche macht wird den Schatz finden. Wer sich auf die Suche macht wird sich selbst finden. Wer sich auf die Suche macht, der findet etwas durch und durch Ge-heimnisvolles und Wunderbares: Seine Bestimmung! Wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein (Mt. 6,21). Das ist die Verheißung. Und darum: Erinnere dich. Ent-täusche dich. Grab tief, Margret. Denn am Ende war-tet Marguerite, deine Bestimmung.

Schön inszeniert wie die Vergangenheit sich zu Wort meldet. In Briefen einer Siebenjährigen. Mit einer irritie-renden Grundaussage: Die Briefe stammen aus dem Alter der Vernunft! L´âge de raison – der Originaltitel des Films. Eine Provokation. Die Deutungshoheit über das Wesentliche im Leben wird den Kindern zugeschrieben und nicht den Erwachsenen. Könnte man schnell in die romantisch-unrealistische Ecke stellen, wenn da nicht Einer schon mal was ganz ähnliches gesagt hätte: Wahr-lich ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht emp-fängt wie ein Kind, der wird nicht hinein kommen (Mk 10,15).

Das Alter der Vernunft interpretiert als das Alter des Vertrauens, der Träume, der Unmittelbarkeit zum Le-ben. Ganz nah dran an dem Bibelvers. Vielleicht hätte Jesus auch sagen können: Verliert diese Fähigkeiten eurer Kindheit nicht beim Erwachsenwerden, sondern bewahrt sie. Ist das der Schatz? Ist das die Antwort? Ist das am Ende vernünftig?

Aber zuerst sind wir einmal unshakeable – unerschüt-terlich. Auch am Geburtstag. Unshakeable – Maria Cal-las. Funktioniert ganz gut. Bis Margret Marguerite trifft. Ein Irrtum? Hier hast du deinen Irrtum! Ist Marguerite ein Irrtum? Wie viel Vergangenheit passt in die Gegen-wart? Wievielte Träume? Wie viele Erinnerungen?

Wir Christen kommen übrigens aus einer uralten Traditi-on des Erinnerns. Unsere Gottesdienste feiern wir auch gegen das Vergessen. Wir hören die alten Worte, die wie Briefe aus längst vergangener Zeit sind. Skizzen, die uns helfen wollen bei der Schatzsuche. Provokationen, die uns zuflüstern: Bleib nicht zu früh stehen. Erinnere dich. Ent-täusche dich. Grab tief.

Der erste Brief. Der Kontrast-Geburtstag. Viele Möbel-packer waren da und sogar ein Gerichtsvollzieher mit einem Pfändungsbescheid! Erste Rückblende. Im Brief wird die Kindheit lebendig. Wird die Erinnerung konkret: Du bist im blödesten Alter deines Lebens. Deshalb schreibe ich dir. Der Brief soll dir helfen, dich an die Versprechen zu erinnern, die ich heute, im Alter der Vernunft, gemacht habe. Und noch etwas: Wichtig ist nicht, einen Popcorn-Kuchen zu backen um zu sehen, ob er im Ofen explodiert. Wichtig ist vor allem eines: Dass du die Dinge wieder in Ordnung bringst!

Erinnern Sie sich an die Berufswünsche ihrer Kindheit? Bei mir stand Brückenbauingenieur ganz oben auf der Hitliste. Ein Glück, dass das nichts geworden ist. Ich denke mal, dass die Brücken sehr unter mir gelitten hät-ten. Bei unsren Jungs ist Feuerwehrmann immer ein hei-ßer Tipp, aber Zugführer oder Millionär gehen auch. Ich muss dann lächeln. Aber ich will nicht von oben herab lächeln. Welche Begeisterung steckt in diesem Wunsch. Welche Leidenschaft. Wie die Augen leuch-ten und die Fantasie ins Kraut schießt. Faszinierend!

Was bist du geworden? Was will ich werden? Tierärztin für Wale, Heilige, Marsforscherin, Hochzeitstortenbäcke-rin, Prinzessin, Andere? Welchen Brief nun öffnen? Es geht um Brief Nr. 4. Oder andere – Brief Nr. 4. Eine Andere oder andere Berufe? Eine kurze Sequenz, aber wichtig. Nur eine Ahnung wird uns gegönnt. Ist am En-de gar nicht der Beruf das Eigentliche, sondern der Mensch dahinter?

Und ab nun immer wieder Rückblenden. Dialoge mit der Vergangenheit. Erinnern. Graben. Den Träumen begeg-nen. Den Schmerzen begegnen. Der resignierte Vater. Der Orang-Utan Geronimo! Der Lochgräber Philibert. Der verlorene Bruder. Es ist ein Weg der Versöhnung mit der eigenen Lebensgeschichte. Mit den Brüchen. Mit den Verlusten. Mit der Traurigkeit. Unshakeable weicht dem Berührtsein.

Es gibt eine Szene in der die beiden Welten – die des Kindes und die der arrivierten Snobistin - aufeinander treffen.

Filmszene: 24:38-27:56 [Business & Misstrauen, Brot und Ver-trauen]
Wunderbare Szene! Was für ein Lochgräber! Was für eine Energie und Leichtigkeit, dem Hunger zu begegnen. Brot aus dem Loch als Brot vom Himmel. Teilen als Lösung des Problems. Initiative statt Resignation. Das mag kind-lich sein, aber kindisch ist es nicht! Auch wenn Laura nichts davon versteht. Auch wenn die Würmer viel zu tun hatten. Der Weg zu sich selbst führt immer auch über andere. Über Freunde und Fremde. Über die Erinne-rung und die Erschütterung. Unshakeable ist kein gu-ter Wegweiser!

Die Kritik des Films setzt bei einem bestimmten Ver-ständnis von Erwachsensein an. Was bedeutet groß werden? Groß werden bedeutet voran kommen. Ich habe alles getan um zu vergessen, weil ich unbedingt voran kommen wollte. Oder so: Liebe Ich. Ich hab nur noch einen einzigen Traum: Ich will endlich erwachsen werden. Ich will viel Geld verdienen und schicke Kostü-me tragen. Ich will die Beste sein, bewundert werden. Respektiert. Gefürchtet. Ich will die ganzen Lügen ver-gessen, den ganzen Verrat. Ich will selbst lügen und meine Lügen glauben. Ich habe beschlossen erwachsen zu werden.

Und dazu der Kontrapunkt: Geld bringt kein Vermögen. Es macht die Augen blind für den wahren Reichtum! In einem Land zu leben wo man den Wasserhahn nur auf-drehen muss um trinken zu können, das ist wahrer Reichtum! Natürlich wird das im Film dann amüsant hin-terfragt. Unbezahlte Rechnungen lassen den Wasserhahn versiegen.

Dennoch: Da klingt eine Gefahr an, die biblisch fundiert ist. Niemand kann zwei Herren dienen. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon (Mt 6,24). Soll heißen: Ir-gendwann muss man sich entscheiden über die Grund-ausrichtung seines Lebens. Auch wenn man auf Gott setzt muss man Rechnungen bezahlen. Auch wenn man einsteht für Gottes Weltentwurf aus Gerechtigkeit und Frieden, aus Solidarität und Barmherzigkeit muss man Rechnungen bezahlen. Aber die Perspektive ändert sich. Der Traum wird lebendig. Der Schatz beginnt zu leuchten.

Und eine andere Frage schwingt mit: Worauf gründe ich mein Leben? Auf Lügen oder auf

Das ist nicht umsonst. Das ist nicht einfach. Der Verkauf der Klarinette: Da habe ich verstanden, dass auch Träume einen Preis haben. Haben sie. Wenn sie um-sonst wären, wären sie umsonst. Der Preis des Traums ist der Weg in die Tiefe!

Dann der erste Besuch zu Hause. Monsieur Merignac, der Notar. Alt und langsam. Für sein Honorar von 1,91 € hängt er sich wirklich rein! Warum nur? Weil er alles weiß. Weil er die Briefe gelesen hat. Weil er den Traum vom gelingenden Leben kennt. Herr, du erforschest mich und kennest mich. Du verstehst meine Gedanken von ferne. Du siehst alle meine Wege [Psalm 139]. Er wi-derspricht. Er wird zum Anwalt der Siebenjährigen. Er ist der Erinnerer, der Bewahrer. Um ihretwillen! Wer-de, die du bist! Mose am Dornbusch. David vor Goliath. Petrus beim Krähen des Hahnes. Sie alle hatten es noch vor sich, zu werden, was sie in Gottes Augen längst wa-ren. Werde, die du bist! Finde deine Bestimmung. Finde den Schatz!

Was ist wichtig im Leben? Liste einer Siebenjährigen: Einen Schatz vergraben, in Pfützen springen, einen Na-gel einschlagen, die besten Papierflieger bauen, die Mo-na Lisa nachmalen, ein Abendessen nur aus Schokolade, eine Rolltreppe in Gegenrichtung hoch laufen. Das reicht aber doch nicht. Kann sein, aber vielleicht reicht es ohne das auch nicht. Ohne die Leichtigkeit. Ohne das Vertrauen, dass sich Dinge auch fügen ohne dass wir sie machen. Ohne den Blick für das, was keinen Zweck ver-folgt, sondern einfach nur den Augenblick vergoldet. Wen ihr nicht werdet wie die Kinder.

Viel wäre noch zu sagen. Die Verabredung mit dem Lochgräber, der geworden ist, was er immer schon war. Die Versöhnung mit dem verlorenen Bruder. Die Ab-schiedsbotschaft von Maitre Merignac. Die bahnbrechen-de Erkenntnis: Ich weiß jetzt, dass es das Wichtigste auf der Welt ist, dass man die Menschen, die man liebt, nie vergisst.

Der letzte Brief, der nicht der letzte Brief ist. Liebe Ich! Wenn alles nach Plan gelaufen ist, dann ist dieser Brief, den du ausgegraben hast, der letzte unseres Briefwech-sels. Ich hab dich angelogen. Ich habe behauptet, die Briefe seien dazu da, um dir zu helfen. In Wahrheit musst aber du mich retten. Hilf mir, wieder die zu wer-den, die wir waren. Hilf mir, wieder zu glauben, zu träumen, Dinge zu wagen. Und sie wagt es!

Filmszene: 1:07:00-1:09:42 [Die Dinge in Ordnung bringen]
Marguerite bringt die Dinge in Ordnung. Ehrlichkeit. Ver-gebung. Träume haben ihren Preis. Endlich Brief Nr.4. Zu öffnen, wenn du eine andere geworden bist. Liebe Ich, ich liebe dich!
Margret hat Marguerite wieder gefunden. Hat die Dinge in Ordnung gebracht. Ist nicht in irgendeinem Leben an-gekommen, sondern in ihrem Leben. Das ist uns auch zu wünschen. Wer seine Zukunft finden will, tut gut dar-an, Schätze zu vergraben! Erinnerungen zu pflegen, Träume zu haben. Wir sind nicht Marguerite, wir sind wir. Und darum: Werde, wer du bist! In Gottes Augen längst schon bist. Finde den Schatz. Deine Bestim-mung. Deinen Platz in Gottes Geschichte mit der Welt.

Lied von CD Nr. 16: Aide-moi [1:50]
Amen