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Vaya Con DiosPredigt:Predigt zum Film „Vaya con Dios [Ps 139,23f]

Liebe Gemeinde!

Vaya con Dios – Geh mit Gott. Ein Segenswunsch und ein Roadmovie, eine Weggeschichte. Ein Film, der unter dem Motto der Cantorianer steht: Sequere vocem – folge der Stimme! Kein ausgesprochen religiöser Film. Aber es wird viel angestoßen, das mit Gott und dem Glauben zu tun hat. Und es wird manches angefragt, das mit dem Leben zu tun hat. Ein Film mit Witz [„Ich gebe euch mal Super bleifrei“] und Tiefe [„Jeder von uns muss sich jeden Tag neu entscheiden“].
Aber welcher Stimme folgen? Als die Cantorianer das erste Mal singen – Tu solus, wir haben es als Musik zum Eingang gehört – da bekommt man eine Ahnung, um welche Stimme es gehen könnte. Ihr Gesang macht aus der alten zerfallenen Klosterkirche einen Ort der Gottesgegenwart. Klingt so die Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch. Zumindest wird man den Gedanken nicht recht los, dass sich hier zwei Welten begegnen. Kommen Himmel und Erde dort zusammen, wo Menschen Gott gemeinsam loben, singen, beten? Dort wo Gott und Mensch im Ein-Klang sind? Doch das Leben kehrt zurück, dieselbe Klosterkirche wird zur Baustelle.
Die Cantorianer haben in ihrer eigenen Welt gelebt. Abgeschlossen und mit eigenen Regeln. Eine Welt in der Welt. Arbo kennt keine andere Welt. Die Klostermauern sind die Grenzen seines Lebens. Aber es ist eine Abgeschiedenheit auf Pump. Alles ist verpfändet. Die Mauern bröckeln. Vor den Mönchen liegt die Begegnung mit einer fremden Welt.
Und darin liegt auch ein Teil der Faszination dieses Filmes. Fremd sind sie uns, die Cantorianer. Aber doch auch liebenswert. Gäste, die wir gerne in unserer Kirche und in unserem Leben willkommen heißen. Da ist nichts Bedrohliches. Ihr Glaube, ihre freundliche Zurückhaltung und ihre ganz andere Auffassung vom Leben machen sie zu wohl gelittenen Zeitgenossen, die dem Zeitgeist in die Quere kommen.
Die wandernden Mönche erinnern uns an etwas, das unserer Welt weitgehend verloren gegangen ist. An etwas, das uns Christen in dieser Welt zu Grenzgängern macht. Sie erinnern uns an Gottes Gegenwart und daran, dass er es mit uns zu tun haben will. Gerade auch dort, wo wir zwischen den Stühlen sitzen oder eben zwischen den Zügen stehen: Wer nur den lieben Gott läßt walten / und hoffet auf ihn allezeit, / den wird er wunderbar erhalten / in aller Not und Traurigkeit. / Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut, / der hat auf keinen Sand gebaut.
Ja, wie die Mönche ist auch Gott unterwegs durch die Welt. Diese Welt ist der Ort der Gottesbegegnung (ðBonhoeffer).
Und der Zeitgeist hat ja durchaus ein hübsches Gesicht. Und droht Arbo im wahrsten Sinne des Wortes zu überrollen. Hier die Latein sprechenden Mönche dort die junge Lifestyle-Reporterin Chiara mit Mercedes-Oldtimer, Handy, dem Traum von Rio und unterwegs im Auftrag der Firma. Da begegnen sich zwei Welten, die sich völlig fremd sind.
Und hier entwickelt der Film eine Dynamik, die uns nicht fremd ist. Denn wir Christen tragen sozusagen beides in uns, Arbo und Chiara - die Erinnerung an Gott und die Erfahrung einer säkularen Welt, die ganz andere Prioritäten setzt und in ganz anderen Kategorien denkt. Aus den sanften Cantorianern können da dann schon auch einmal Killermönche werden.
Und nun könnte man befürchten, dass die Lifestyle-Welt die Mönche aufsaugt. Aber den ersten Treffer landen die Mönche. Als sie im Steinbruch singen – jenseits aller Klostermauern – ermöglichen sie Chiara eine neue Erfahrung. Fast scheint es, dass ihr Leben zum Stillstand kommt. Unterbrochen wird. Ein erster Augenblick des Innehaltens, der Wahrnehmung der anderen Welt. Ruhe statt Hetze. Heraustreten aus allem Sollen, Müssen und Machen und eintreten in die Harmonie des Gesangs. Im Gesang sind wir Gott nahe. Unterbrechung als Chance!
Eine Momentaufnahme. Beim Fotografieren treffen die Arbo-Welt und die Chiara-Welt frontal aufeinander. Nicht laut. Aber frontal. Arbo kann sich nicht entscheiden, den Auslöser zu drücken: Ich weiß nicht, wann ich drücken soll. Ich kann nicht einem Augenblick den Vorzug vor einem anderen geben. In allem was lebt wirkt Gott in der Zeit. Das ist vielleicht der tiefste Satz im ganzen Film. Darin ruht die Arbo-Welt. Und Chiaras Antwort ist eindeutig: Ich glaube aber nicht an Gott. In diesem Spannungsfeld bewegt sich nicht nur der Film, sondern auch unser Leben. Wir kennen die Arbo-Welt und die Chiara-Welt. Und leben bedeutet für Christen immer auch, diese beiden Welten zueinander ins Verhältnis zu setzen.
Und dann begegnen Tassilo und Benno ihrer Vergangenheit. Jetzt kommen die Versuchungen. Welcher Stimme folgen? Und Benno bringt es auf den Punkt: In unserem Fall geht es einfach um die Frage: Willst du als Mönch leben oder nicht?
Diese Frage müssen wir uns nicht stellen. Aber geht es dabei nicht um etwas, das uns alle angeht? Was willst du? Was ist deine Lebensperspektive? Wofür willst du deine Kraft, deine Ideen, deine Zeit investieren? Und eine Gefahr wird deutlich: Leicht bleibt man in Übergängen hängen. Ein paar Tage nur will Tassilo bei seiner Mutter bleiben. Und hier erkennt Benno die Gefahr noch genau: Du wirst ein Leben lang Hecken schneiden und Schweine hüten! Und auch Tassilos Mutter sagt im Prinzip nichts anderes: Irgendwann findet man sch drein! Irgendwann akzeptiert man eben, dass es ist wie es ist. Was ist unsere Lebensperspektive? Und wo haben wir uns drein gefunden oder auch drein schicken lassen?
Als Benno wieder bei den Jesuiten landet, ist er weniger scharfsinnig. Er erliegt der Faszination der Bibliotheken und der neuen Möglichkeiten. Anderes wird wichtig. Er singt nicht mehr. Ein paar Tage will er nur bleiben. Das hatten wir doch schon. Die Versuchung kommt auf leisen Sohlen und verlockend.
Als die Weggemeinschaft der Mönche sich aufgelöst hat erinnert sich der erste wieder an seine Wurzeln. Und an seine Perspektive. Gerade der etwas einfältige Tassilo. Er entscheidet sich. Noch einmal entscheidet er sich Mönch zu sein. Und findet Arbo. Und gemeinsam mit Chiara suchen Sie Benno. Sie suchen ihn in der Kirche. Und sie finden ihn. Und er findet seine Bestimmung wieder. Sie singen ihm seine Bestimmung entgegen. Für mich die bewegendste Szene im ganzen Film: Wer nur den lieben Gott lässt walten!
Filmszene: Wer nur den lieben Gott lässt walten
[Sing, bet und geh auf Gottes Wegen, verricht das Deine nur getreu und trau des Himmels reichem Segen, so wird er bei dir werden neu. Denn welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verlässt er nicht.]
In dieser Szene wird das Kino zur Kirche, und der Kinozuschauer zum Teil der Gemeinde. Deshalb läuft diese Szene praktisch in Echtzeit ab. Von dem Moment an, wenn Tassilo die Kirche betritt, gibt es keine Zeitsprünge mehr, bis die drei gemeinsam die Kirche verlassen. So beschreibt Regisseur Zoltan Spiradelli seine Absicht. Das Kino wird zur Kirche und bei uns wird die Kirche zur Gastgeberin für das Kino.
Und dann das Finale. Der Weg nach Italien. Natürlich nicht ohne die Liebe Arbos zu Chiara. Und umgekehrt. Als Chiara die Stimmgabel in ihrer Tasche findet sagt sie: Da will mir jemand sagen, ich soll meiner inneren Stimme folgen. Sie tut es und das Happyend wird denkbar. Aber nicht sichtbar.
Die Ordensregel kommt in einer Plastiktüte nach Italien. Dort erklingt noch einmal das Tu solus – Du allein! Dort werden die weiteren Lebensperspektiven deutlich. Dort entscheiden sich benno und Tassilo. Dort entscheidet sich Arbo. Dort trennen sich die Wege. Und am Ende nicht Chiara, sondern die Strasse. Und wohl auch so ein bisschen die Frage, ob sich Arbo nun vom Mönchsein oder von Gott gelöst hat.
Es bleibt eine Weggeschichte. Und uns gibt sie Fragen auf. Fragen, die mit unserem Leben zu tun haben. Was ist meine Bestimmung? Wo wollte ich ein paar Tage bleiben und bin nie mehr weg gekommen? Wie kommen Gott und mein Leben zusammen? Schön, dass ein Kinofilm das wagt.
Sequere vocem – Folge der Stimme! Wir dürfen glauben, dass Gott uns etwas zu sagen hat. Deshalb gehen wir nicht nur ins Kino, sondern auch in die Kirche. Wo wir Gott vertrauen, hören wir mehr als den inneren Widerhall unserer eigenen Gedanken. Dazu braucht es kein Kloster. Arbos Weg muss kein gottloser Weg werden. Und unser Weg in dieser Welt auch nicht: Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz. Prüfe mich und erkenne wie ich´s meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin und leite mich auf ewigem Wege [Ps 139, 23f].
Brothers in arms [Gregorian] Amen