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The straight StoryFilmpredigt "The Straight Story" auf Basis von Psalm 31

Alvin Straight, 73 Jahre alt. Aufgewachsen mit seinem Bruder Lyle auf einer Farm in Minnesota. Scharfschütze im Zweiten Weltkrieg. Vater von 14 Kindern von denen es sieben geschafft haben. Ehemaliger Säufer und feinfühliger Menschenkenner. Alvin Straight – unterwegs zu seinem Bruder um mit ihm Frieden zu schließen. Unterwegs aber auch um seinen Frieden mit sich selbst zu machen. Die Reise zu seinem Bruder ist auch eine Reise in die eigene Vergangenheit. Eine Konfrontation mit den Brüchen und Schatten der eigenen Lebensgeschichte. Und die Themen sind Frieden und Versöhnung.

Und das wird mit viel Faszination ins Bild gesetzt. Immer wieder diese unendliche Weite des Landes, immer wieder der weite Himmel über dem Land. Dazu die Musik von Angelo Badalamenti. Da geht die eigene Seele mit auf Reisen. In der faszinierenden Langsamkeit des Rasentraktors. Da bekommen die eigenen Gedanken Flügel. Gleiten durch die Schwere des Lebens und durch seine Weite, durch die Traurigkeiten und durch die Berührungen mit dem Himmel.

Und in der Tat hat der Film etwas Himmlisches. Ich habe begonnen, die Szenen zu zählen, in denen die Kamera in den Himmel schwenkt. Irgendwann habe ich aufgehört. Der Himmel ist ein Thema des Films über das nie gesprochen wird. Aber im Angesicht des Himmels, in der Konfrontation des Menschen mit der Weite des Sternenhimmels, da ereignet sich Entscheidendes. Das Gespräch mit seiner Tochter Rose: Rose, ich werde wieder auf Reisen gehen, ich muss zu Lyle. Das Gespräch am Lagerfeuer. Die Stunde nach dem Bekenntnis des Todesschusses. Und endlich die Versöhnung mit dem Bruder. Das Entscheidende geschieht in der Stille. Das Entscheidende geschieht, wo das Leben zur Ruhe kommt.

Und ist das nicht etwas tief Religiöses: Der Mensch im Angesicht des Himmels? Und dort eben nicht verlassen und verloren, sondern konfrontiert mit seinem Woher, mit seiner Bestimmung und mit seinem Wohin? Gerade in den Szenen unter dem Sternenhimmel wurde ich das Gefühl nicht los, dass sich hier Himmel und Erde berühren. Dass hier ein Mensch mit seinem Ursprung und seiner Bestimmung in Berührung kommt. Dass dieser gebrechliche Alvin Straight mit seiner Lebensgeschichte und seinem Weg zum Frieden geborgen ist in einer weit größeren Geschichte.

Doch sehen wir uns die Szenen der Reise an. Und tragen wir unsere Geschichte ein in die Bilder und Gespräche, die uns der alte Dickkopf auf dem Rasenmäher schenkt. Der seltsame Kauz, der einem auf seinem Weg ans Herz wächst. Der geduldige Gesprächspartner und Gastgeber, der Leben teilt, indem er Anderen zuhört und aus seinem Leben erzählt.

Die erste Frage im Film lautet: Bist du ein Notfall, Alvin? Wie er da auf dem Küchenboden liegt. Nicht mehr aufstehen kann. Und doch gelassen bleibt. Und dann beim Arzt zuerst noch der amüsante alte Dickkopf: Keine Operation! Keinen Gehwagen! Keine Untersuchungen und ich bezahle auch keine Röntgenbilder! Aber dann die Feststellung des Arztes: Wenn Sie nicht bald etwas an ihrer Lebensweise ändern, werden Sie ernste Konsequenzen zu tragen haben.

Ist Alvin Straight ein Notfall? Als er erfährt, dass sein Bruder einen Schlaganfall hatte, wird ihm klar während draußen der Donner grollt und die Blitze zucken: Ja, ich, Alvin Straight, bin ein Notfall. Wenn ich nichts an meiner Lebensweise ändere, werde ich ernste Konsequenzen zu tragen haben. Wenn ich mich nicht mit meinem Bruder versöhne, werde ich am Ende unversöhnt sein. Der Notfall sind nicht seine Hüften und seine Augen und auch nicht seine Zigarren. Der Notfall ist die Beziehung zum Bruder.

Und dann beginnt er zu schweißen. Und unter dem klaren Sternenhimmel klärt sich sein Weg. Als Rose ihn fragt: Hast du vor mit einem Rasenmäher so weit zu fahren? Da antwortet er: Ich muss zu Lyle. Den Weg muss ich allein machen. Ich weiß, du verstehst das. Und sie versteht ihn. Ja, manche Wege müssen wir allein machen. Weil sich auf diesen Wegen klärt, wer wir sind. Weil wir auf diesen Wegen den Frieden mit uns selbst und mit unserem Bruder finden. Wege zur Versöhnung stehen unter dieser doppelten Verheißung. Es sind Wege im Angesicht Gottes.

Und dann der Weg. Die Langsamkeit des Rasenmähers gegen die 507 Meilen. Der Weg, der seine Zeit braucht, über dem aber immer auch ein Fragezeichen steht: Wird es am Ende nicht zu spät sein? Ein Aufbruch, der von der Hoffnung lebt. Ein Aufbruch, der von der Hoffnung lebt, dass genügend Zeit da sein wird, um den Weg der Versöhnung zu Ende zu gehen. Ich aber, Herr, hoffe auf dich und spreche: Du bist mein Gott. Meine Zeit steht in deinen Händen.

Und dann wird dieser Weg zu einem Weg zurück in die eigene Lebensgeschichte. Vor der Versöhnung mit dem Bruder liegt der Frieden mit sich selbst und wohl auch mit Gott. Und am Lagerfeuer hören wir dann von den Wunden des Lebens. 14 Kinder hatte Alvin Straight. 7 davon haben´s geschafft. Seine Frau Francis ist 81 gestorben. Und von seiner Tochter erzählt er: Rose, sie war eine sehr gute Mutter. Sie hat vier Kinder. So wir Rose nun mal ist haben die Behörden aber beschlossen, dass sie für die Kinder nicht richtig sorgen kann und haben sie ihr alle weg genommen. Es vergeht kein Tag, an dem sie ihren Kindern nicht nachtrauert. Das Leben besteht nicht nur aus guten Tagen. Eine Binsenweisheit. Aber vielleicht liegt die Kunst des Lebens darin, auch die schweren Tage anzunehmen. Sich im Blick zurück mit diesen Tagen zu versöhnen ohne ihnen ihre Schwere und Traurigkeit zu nehmen.

Und dann wird dieser alte Mann, der die Zeit hat, 507 Meilen auf einem Rasenmäher zurück zu legen, von zahllosen rennradelnden Menschen überholt. Die Einen hetzen, der Andere hält an und grüßt. Die Einen haben Zeit ohne Zeit zu haben, der Andere hat Zeit. Auch am Lagerfeuer. Als das Hetzen zum Ende kommt ist er Gastgeber und Gesprächspartner. Aus dem Nebeneinander und Aneinandervorbei wird ein Miteinander.

Und wieder geht es in die Tiefe. Wie ist das mit dem Altwerden? Sie erinnern sich: Was soll daran gut sein, wenn man gleichzeitig lahm und blind wird. Und dann die letzte Frage: Was ist das Schlimmste am Altwerden? Das Schlimmste ist die Erinnerung an die Jugend. Die Erinnerung an die verlorenen Möglichkeiten. Der Schmerz der steifen Hüften und der trüben Augen ist auch ein Schmerz im Herzen. Es ist die Vergänglichkeit, die die ganze Existenz durchzieht und hinterfragt: Wer bist du, Mensch? Wer bist du unter dem weiten Himmel und im Angesicht Gottes?

[Und dann das eher erheiternde Intermezzo zum Thema Gebet. 13 Rehe in 7 Wochen. Mir kann keiner helfen ... . Ich schicke Gebete zum Heiligen Franziskus, Christophorus, weiß der Geier … und trotzdem knalle ich pro Woche in mindestens ein Reh! Ich muss doch diese Strasse lang fahren, Tag für Tag. Es ist tot. Und ich liebe Rehe. Und schwups sitzt sie wieder im Auto und weiter geht´s. Eine Karikatur des Zeitgeistes. Eines Geistes, der keine Zeit hat, weil Zeit immer etwas Flüchtiges ist. Eines Geistes auch, der Gebete abkoppelt vom Leben. Der Konsequenzen für Andere in Kauf nimmt ohne die Lebensweise zu ändern. Vielleicht hätte es ja den geliebten Rehen schon geholfen, einfach den Fuß vom Gas zu nehmen. Aber der Zeitgeist rast davon und Alvin Straight hat nun ein dekoratives Geweih am Anhänger.]

Und dann der Krieg. Trinken gegen die schrecklichen Erinnerungen. Gegen die Bilder, die eine ganze Generation nicht mehr losgeworden ist. Gegen die Gesichter der toten Freunde und Feinde, denen der Krieg alle Zukunft genommen hat. Und dann, am Tresen irgendwo in Iowa oder im Partystaat Wisconsin das Bekenntnis des ehemaligen Scharfschützen Alvin Straight: Kutz, der Kundschafter. Kopfschuss. Niemand kannte bis heute die Wahrheit, niemand außer mir.

Dann ist es gesagt. Am Tresen, dem anderen Menschen und auch Gott. Das Leben ist, was es gewesen ist. Wenn man zurück blickt, kann man nicht retuschieren oder ausradieren. Jedes Leben braucht Versöhnung. Jedes Leben braucht Vergebung. Und wer versöhnt ist mit seinem eigenen Leben, der hat Zeit, der hat ein Ohr für Andere, der kann dieses versöhnte Leben teilen. Und so entsteht Weggemeinschaft. Auch die Weggemeinschaft der Christen entsteht so. Durch die Versöhnung, die in Jesus Christus zu uns gekommen ist.

[Interim zum Opferzweck des Sonntags: Zu Gast im eigenen Garten. Der Klappstuhl. Ich danke Ihnen, dass Sie zu einem Fremden so freundlich waren.]

Filmszene: Hochwürden [Szene Nr. 19]

Alles was Lyle und mich so wütend gemacht hat, das spielt keine Rolle mehr. Ich will mit ihm Frieden schließen. Ich will neben ihm sitzen und in den Himmel sehen. Genau so wie früher. Und so kommt es. Wenig sagen die Brüder zueinander. Der Blick auf den Rasenmäher: Bist du darauf den ganzen Weg gefahren nur wegen mir? Und die Antwort, die den Weg der Versöhnung ans Ziel bringt:Ja, Lyle!

Und dann endet die Straight Story unter dem Sternenhimmel. Der äußere Weg kommt an sein Ziel und der innere Weg auch. Und vielleicht endet die Straight Story ja doch nicht nur unter dem Himmel, sondern auch ein bisschen im Himmel. Denn wo Versöhnung ist, da ist Gott.

Musikalisches Zwischenspiel: Laurens Walking [Nr. 3]

Ich aber, Herr, hoffe auf dich. Du stellst meine Füße auf weiten Raum. Du bist mein Gott. Meine Zeit steht in deinen Händen. Amen