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Das Leben der AnderenPredigt „Das Leben der Anderen" Lk 10,25-37

Liebe Gemeinde!

Das Leben der Anderen ist keine Inszenierung des barmherzigen Samariters. Aber der Film ist ein wunderbarer Gesprächspartner für dieses Gleichnis. Die Frage nach dem Guten, nach dem Menschlichen ist eine zeitlose Frage. Die Antwort geben wir im Leben. Und wir wissen nur zu genau, dass das gar nicht so einfach ist mit dem Guten. Mit dem Menschlichen. Mit dem Anderssein der Anderen. Mit dem Blick der Barmherzigkeit. Führen wir heute dieses Gespräch. Im Vertrauen darauf, dass die Sonate vom Guten Menschen auch in uns zum Klingen kommt.

HGW XX/7 führt einen OV bzw. eine OPK bei Laszlo durch und IM Martha mischt auch noch mit. Vernebelung. Verschleierung. Verklausulierung. Offensichtlich kann oder will niemand sagen, was da wirklich passiert und wer da genau beteiligt ist. Da wird nicht Klartext gesprochen, sondern gemauschelt. Im Undurchsichtigen steckt die Bedrohung. Immer und überall. Keiner weiß mehr, wer eigentlich wer ist. So will es das System.

Und HGW XX/7 ist absolut linientreu. Und in der Einführungsszene erfahren wir einige wesentliche Eckpunkte seiner Weltsicht. Und die vermittelt er als Lehrer. Wenn Sie wissen wollen, ob jemand schuldig ist oder nicht, gibt es kein besseres Mittel als ihn zu befragen bis er nicht mehr kann. Wer die Wahrheit sagt, kann beliebig umformulieren und tut das auch. Ein Lügner hat sich genaue Sätze zurecht gelegt, auf die er bei großer Anspannung zurück fällt. 227 lügt. Wir haben zwei wichtige Indizien und können die Intensität erhöhen. Bei Verhören arbeiten Sie mit Feinden des Sozialismus, vergessen Sie das nie!

So wird die Schuldfrage geklärt. Im Vorneherein ist sie schon klar. Der Angeklagte ist der Schuldige. Und dass in diesem Zusammenhang von Wahrheit gesprochen wird, ist geradezu makaber. Im gefühlsfreien Raum wird der Mensch zur Nummer. 227 lügt. Mitgefühl? Wahrnehmung des leidenden Gegenübers? Gar Barmherzigkeit? Das ist nicht vorgesehen. Es gibt nur schwarz und weiß. Es gibt nur Genossen oder Feinde des Sozialismus. Wichtig ist am Ende nicht der Mensch, sondern die Großkonserve für die Hunde.

So tritt Wiesler an. Ein fieser Sonderling ohne Freunde. Keinen einzigen persönlichen Satz sagt er im ganzen Film zu seinen Genossen. Erinnern Sie sich an seinen Vornamen? Nein? Kein Wunder. In einem System der Macht spielt das Private keine Rolle. Wiesler ist Wiesler und eigentlich noch mehr HGW XX/7. Seine Persönlichkeit ist seine Rolle. Er funktioniert perfekt. Ausgestattet nur mit dem Tunnelblick des auf Angst und Privilegien gebauten Systems. Kein Sympathieträger. Der Smariter war übrigens auch keiner.

Das Gegenstück zum Guten Menschen ist der verblendete Mensch. Der Mensch, der nichts mehr sieht. Auch nicht, dass die innere Freiheit des Menschen die äußere Freiheit braucht. Angst macht aber nicht frei. Angst bedrückt, unterdrückt, erdrückt: Frau Meineke, ein Wort zu irgendwem und ihre Marsha verliert morgen ihren Medizinstudienplatz. Haben Sie das verstanden? Oh ja, Frau Meineke hat verstanden!

Bert Brecht lässt seine Hauptfigur Shen-Te in seinem Stück Der gute Mensch von Sezuan klagen: Oh ihr Unglücklichen! Euerm Bruder wird Gewalt angetan, und ihr kneift die Augen zu! Der Getroffene schreit laut auf, und ihr schweigt? Der Gewalttätige geht herum und wählt seine Opfer Und ihr sagt: uns verschont er, denn wir zeigen kein Missfallen. So funktioniert das System. So funktioniert Wiesler. Noch.

Doch dann kommt die Sache ins Rollen. Theaterbesuch: „Das Leben der Anderen". Für Wiesler eine Begegnung mit einer anderen Welt. Und das Anderssein der Anderen lässt ihn sofort ahnen: Feinde des Sozialismus. Und dann das Intrigenspiel. Und dieser faszinierend objektive Satz von Hempf: Vielleicht ist er (Dreymann) nicht so sauber wie es scheint. Bei dem ist was faul, das sagt mir mein Bauch und der lügt nicht. Das also ist die letzte Instanz für die Wahrheit: Der Bauch.

Und dann formuliert genau dieser Hempf das Kernthema des Films: Das lieben wir ja auch alle an ihren Stücken: Die Liebe zum Menschen, die guten Menschen. Den Glauben, dass man sich verändern kann. Dreymann, ganz gleich wie oft sie das in ihren Stücken schreiben: Menschen verändern sich nicht. Daran arbeitet sich der Film ab. Das widerlegt er. Der Mensch ist fähig, sich zu ändern. Der Mensch kann sich ändern.

Das ist auch ein zentrales Thema der Bibel. Der Mensch, der nicht bleiben muss, was er ist. Gott legt uns nicht fest. Gott nagelt uns nicht fest auf das, was wir sind. Mose muss nicht der Feigling bleiben, der sich in der Wüste versteckt. Petrus muss nicht der Lügner bleiben, der das Licht scheut. Der Verlorenen Sohn muss nicht den Rest seines verkorksten Lebens bei den Schweinen sitzen.

Wo der Blick der Barmherzigkeit einen Menschen streift, da kommt etwas in Bewegung. Da kommt der Mensch in Bewegung. Gott sieht mehr in uns als wir sind. Und sein Blick der Güte öffnet uns die Augen für die Anderen. Und wer hinsieht, verliert seine Gleichgültigkeit. Und wer wahr nimmt bricht auf aus der Knechtschaft der Angst in die der Freiheit der Kinder Gottes. Und genau das bewirkt der OV Laszlo: Wiesler hört zu. Wiesler nimmt wahr. Und Wiesler kommt in Bewegung.

In der Kantine fragt er Grubitz nach dessen Hinweis auf den Stabstisch frustriert: Irgendwo muss der Sozialismus doch beginnen. Und auf dessen Bemerkung, dass es sehr Karriere fördernd wäre, bei Dreymann etwas zu finden, erwidert er kurz: Sind wir dafür angetreten? Die Linientreue bekommt erste Haarrisse. Die Wahrheit hinter der sozialistischen Fassade beginnt zu flüstern. Wieslers Blick beginnt klarer zu werden. Und er holt sich den gelben Brechtband aus Dreymanns Wohnung. Betritt Neuland. Sein Blick weitet sich.

Aber noch einer kommt in Bewegung. Dreymann, der weitgehend systemkonforme und zahme Schriftsteller. Paul Hauser, der Journalist, hält ihm einen Spiegel vor: Du bist so ein jämmerlicher Idealist, dass du schon fast ein Bonze bist. Wer hat denn Jerska kaputt gemacht? Genau solche Leute: Spitzel, Verräter und Anpasser. Irgendwann musst du Position beziehen, sonst bist du kein Mensch! Irgnedwann musst du Position beziehen zu dem, was du an deinem Lebensweg vorfindest. Zu denen, die unter die Räuber gefallen sind. Zu denen, denen andere Böses wollen. Zu denen, die sich selbst nicht helfen können. Und von Jerska bekommt er dann die Sonate vom Guten Menschen geschenkt.

Und nach Jerskas Tod spielt Dreymann die Sonate vom Guten Menschen. Und Wiesler hört zu. Am Anfang noch eine starre Maske, wandelt sich Wieslers Gesicht und nimmt immer mehr menschliche Züge an. Und Dreymann sagt: Kann jemand, der diese Musik gehört hat, ich meine wirklich gehört hat, ein schlechter Mensch sein? Dieser Satz ist das Scharnier des Films, der nun Tempo aufnimmt. Im Aufzug verzichtet Wiesler darauf, den Jungen nach seinem Stasi-kritischen Vater zu fragen: Wie heißt denn dein ...? Mein was? Dein Ball? Ein Ball hat doch keinen Namen. Du bist aber komisch.

Und dann begegnen sich die zwischen Angst und Liebe zur Kunst zerrissene Christa Maria Sieland und der vom Blick der Barmherzigkeit gestreifte Gerd Wiesler im Cafe:

Filmszene: Im Cafe 59:05-1:03:00(ð Sieland / Wiesler)

Sie sind ein guter Mensch! Wiesler geht nicht vorbei. Er fühlt mit. Er merkt: Das geht mich etwas an. Und nach zwei doppelten Wodkas tut er was. Er begegnet der Anderen von Angesicht zu Angesicht. Er nimmt sich ihrer an. Er hält ihre Not aus. Und er erfährt etwas Neues über sich: Sie sind ein guter Mensch!

Von da an wird er Dreymanns Schutzengel. Anfangs widerstrebend: Warte nur! Das eine Mal, Freundchen als er den Grenzposten nicht anruft. Doch dann wird er selbst zum Schriftsteller. Sein erstes und einziges Stück ist sein Bericht. In dem er nicht die Wahrheit schreibt, damit die Wahrheit ans Licht kommt. Die Wahrheit über das Sterben der Hoffnung und das Sterben der Menschen. Oder eben die Selbstmordstatistik.

Das Menschenbild, das Grubitz leitet wird noch einmal deutlich in einem Gespräch mit Wiesler. Es geht um Künstler Typ 4: Nach 10 Monaten Einzelhaft schreiben sie nicht mehr oder malen sie nicht mehr oder was Künstler sonst so tun. Menschen sind Objekte. Wertlos. Das ist die vollkommene Entwürdigung des Menschen.

Und dann Oberfeldwebel Leiher, der darüber nachdenkt, ob die da unten wirklich ein Stück für das 40jährige Jubiläum schreiben. Wiesler weist ihn zurecht: Sie machen sich viele Gedanken. Oberfeldwebel Leiher. Sie sind doch kein Intellektueller. Ick, nee, also so wat bin ich nicht. Dann verhalten Sie sich nicht wie einer. Überlassen Sie das Denken den Vorgesetzten.

Doch nun kommt Wiesler ins Trudeln. Grubitz fragt ihn: Bist du noch auf der richtigen Seite? Und Wiesler sagt: Ja! Er ist auf der richtigen Seite. Und er handelt, riskiert viel. Er ist schneller als die Stasi. Als sie kommen ist die Schreibmaschine weg. Das System schlägt zurück. Wiesler sitzt über vier Jahre in einem Kellerloch und dampft Briefe auf. Bis die Mauer fällt.

Filmszene: Schluss 2:03:10-2:06:37 (ð Dreymann / Wiesler)

Gerd Wiesler entscheidet sich. Er wird seinem Mitmenschen ein Nächster. In der Wertschätzung einer Christa Maria Sieland im Cafe streift ihn der Blick der Barmherzigkeit und so wird er frei. So trifft er eigene Entscheidungen. So wird er in einem Klima völligen Misstrauens zu Dreymanns Schutzengel. Ein Mensch, der sich ändert. Der Gute kann nur gut sein, weil ein anderer ihm gut ist. Und Jesus sagt: Den, der dir gut ist, gibt es längst. In diesem Vertrauen kannst du leben!

Bert Brechts Guter Mensch von Sezuan schließt mit der Erkenntnis: Wir stehen selbst enttäuscht und sehen betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen. Der Samariter lässt nicht alles offen. Jesus lässt das Entscheidende nicht offen: Hinsehen, stehen bleiben, betroffen sein, handeln, das lehrt uns der Samariter. Hinsehen, stehen bleiben, betroffen sein, handeln, das ist der Pulsschlag wahren Lebens. Das ist der Lebensrhythmus des Guten Menschen. Entscheidend ist für ihn nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn macht, egal wie es ausgeht. Lohnt es sich?

Sonate vom Guten Menschen ð CD Nr.10 Amen