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Die BienenhüterinPredigt: „Die Bienenhüterin" (Ex 3,7 / Mt 22,37-39 / Joh 3,16)

Die BienenhüterinLiebe Gemeinde!

Was war nun eigentlich Die Bienenhüterin für ein Film? Ist das Thema die Rassentrennung in den USA? Oder eher die Frage nach Schuld und Versöhnung? Oder ist das Thema gar das Leben in seiner ganzen Unkalkulierbarkeit, in seiner immer als Möglichkeit bestehenden Unversöhnlichkeit, in seiner letztendlichen Unergründlichkeit? Und was hat das mit Bienen zu tun?

Der englische Titel des Films lautet The secret life of bees - Das geheimnisvolle oder verborgene Leben der Bienen. Das bringt uns auf die Spur. Es geht um das Geheimnis des Lebens.
Es geht um das Geheimnis des gemeinsamen Lebens. Es geht um gemeinsames Leben, das funktioniert, gelingt und das zutiefst göttliche Züge trägt. Weihnachtlich Züge: Fürchte dich nicht! Karfreitägliche Züge: Zusammenbrechen unter der Last des Lebens. Österliche Züge: Versöhnt leben jenseits der Schuld.
Und so entwickelt sich im Laufe des Films wahrhaft menschliches Leben. Geprägt vom Herzen. Geprägt von der Liebe. Geprägt von der Vergebung. Das geheimnisvolle Leben der Menschen. Das geheimnisvolle Leben derer, die vertrauen! Der Bienenstock als Gleichnis. Als Gleichnis für ein Leben, das am Gemeinwohl ausgerichtet ist und doch nicht zu kurz kommt. Ein Gleichnis für ein Leben, das anderem Leben Raum geben kann und doch selbst immer neue Räume findet, entdeckt, erschließt. Das Gleichnis vom Bienenstock: Das Reich Gottes gleicht einer Imkerin, die in der Hitze des Sommers hinaus ging, ihren Bienenstock zu besehen. Als sie nun zu dem Bienenstock kam, siehe, da hörte sie das Summen von Hunderttausend kleinen Flügeln. Und sie wusste: Die Bienen kühlen ihren Bienenstock, damit das Leben Zukunft hat. Und sie ging heim und sagte zu ihren Nachbarn: Tut desgleichen.

Aber langsam. Es ist noch ein gutes Stück bis zum Bienen hüten. Die Geschichte beginnt mit einem Schuldbekenntnis: Ich habe meine Mutter getötet als ich vier war. Das ist das, was ich über mich wusste. Ich wollte nur sie und durch mich ist sie fort. Alles andere ist egal. Vernichtendes Lebensresümee einer
14jährigen. Nur Eines zählt: Die Schuld. Alles andere ist egal.

Lily kommt aus dem Niemandsland der Gefühle und der Wertschätzung. Die Folie für die Handlung ist der rassistisch geprägte Süden der USA. 1962 tritt das Bürgerrechtsgesetz in Kraft. Doch dieses wird bekämpft. Hier findet sich sozusagen die gesellschaftliche Dimension der Handlung. Rosaleen bekommt das zu spüren. Schwarz-Weiß Denken. Tiefe Gräben aus Vorurteilen, Hass und Angst. Das ist der eine Teil des Niemandslandes. Der andere Teil ist T-Ray, Lilys Vater. Gewalttätig. Gefühllos. Gnadenlos: Hör mal zu! Deine Mama ist weg und hat dich verlassen. Als sie starb kam sie zurück um ihre Sachen zu holen, nicht dich! Der Vater lässt Lily allein mit ihrer Verzweiflung. Sie ist ihm egal. Das ist die persönliche Dimension der Handlung. Beide Dimensionen meinen auf verschiedenen Ebenen dasselbe.

Wie nun aus dieser verfahrenen Situation wieder heraus kommen? Klassischerweise sendet Gott da seine Engel. Im Film greift er auf die Bienen zurück. Sanft kündigt sich etwas Neues an. Leicht zu übersehen. Kein spektakuläres Zeichen. Bienen eben. Aber Lily nimmt sie wahr. Lässt sich von der besonderen Situation des Bienenschwarms in ihrem Zimmer berühren. Und erkennt: Sie sind mir erschienen so wie der Erzengel Gabriel der Jungfrau Maria erschienen ist.

Und da haben wir den zweiten roten Faden neben den Bienen. Die Jungfrau Maria, die später schwarz wird und schließlich die geballte Faust ausstreckt. Das Bild der schwarzen Jungfrau mit dem Jesuskind liegt in der „Reliquienkiste", die Lily im Garten vergraben hat. Die Bienen und die Jungfrau sind die Zeichen, die Lily auf der Suche nach ihrer Vergangenheit, nach Versöhnung und nach geheiltem Leben - bei der Suche nach sich selbst - begleiten. Die Bienen und die Jungfrau sind Spuren. Spuren Gottes für sein suchendes Geschöpf.

Der Film nimmt Fahrt auf. Rosaleen wird verprügelt. Lily holt sie aus dem Krankenhaus und die Beiden hauen ab. Und was für ein Abschiedsbrief, kurz und heftig: Lieber T-Ray, mach dir nicht die Mühe, mich zu suchen. P.S.: Menschen, die lügen wie du, sollten in der Hölle schmoren.

Der Weg raus aus dem Alten und hinein ins Neue beginnt. Mit hoffnungsvollen Nuancen. Eine erste, sanfte Versöhnungsszene. Lily und Rosaleen haben sich gestritten. Links und rechts der Straße gehen sie nebeneinander her. Sie gehen nebeneinander und nicht miteinander. Zwischen ihnen nicht nur die Straße, sondern vor allem der Streit: Warum hat sich Rosaleen nicht einfach entschuldigt? Und dann überquert Lily die Straße und den Streit. Und Rosaleen öffnet ihr Herz und offenbart Lily, warum sie sich nicht entschuldigen konnte: Sich bei denen zu entschuldigen wäre nur eine andere Art zu sterben gewesen mit dem Unterschied, ich hätte damit leben müssen. Spuren - so geht es auch. Spuren - so wird es gut.

Und dann erscheint die schwarze Madonna zum zweiten Mal. Im Schaufenster eines Lebensmittelgeschäftes. Auf dem Etikett des Schwarze-Madonna-Honigs. Es ist das gleiche Bild wie in der Reliquienkiste. Jungfrau und Honig. Die Dinge finden zusammen. Und Lily langsam zu sich selbst.

Der etikettierte Honig weist den Weg zu den drei Boatwright-Schwestern. Und zur schwarzen Madonna mit der geballtenFaust, die im Salon steht. Ich meine übrigens, dass drei Verkörperungen der schwarzen Madonna in diesem Haus leben. May: Sie hat das einfühlsame Herz der Madonna, aber nicht ihre Stärke. June: Sie hat die Stärke der Madonna, aber nicht ihr einfühlsames Herz. Und schließlich August: Sie hat das einfühlsame Herz und die Stärke der Madonna. Man kann wohl sagen: Sie ist im Film die schwarze Madonna live.

Und dann häufen sich wunderschöne biblische Motive. Die Bienenfarm als Paradies. Als Platz in der Welt, in den die Außenwelt nicht eindringen kann: Hier sind wir sicher. Geschützter Raum für das Leben, das sich entwickeln will. Wie der Garten ganz am Anfang.

Dann die Klagemauer von May: Gezeichnet vom Tod ihrer Zwillingsschwester April hat sie die Klagemauer gebaut. Nach Aprils Tod war es so als würde die ganze Welt Mays Zwillingsschwester werden. Dieses nahezu grenzenlose Leiden an den Umständen, an der Welt, die ist wie sie ist, ist ein biblisches Motiv. Jesus weint über Jerusalem. Karfreitag. Und Johannes 3,16: So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Das ist die traurige Seite der Empathie. Sich einfühlen und mitfühlen bis zur Unerträglichkeit. Die arme Miss May. Ja, die arme Miss May!

Und dann die Geschichte der schwarzen Maria. Die Sklaven fragten den Herrn, ob er ihnen nicht Hilfe schickt. Sie finden am Strand die Madonna. Und die sagt: Fürchte dich nicht! Ich bin hier. Ich kümmere mich von jetzt an um euch. Es war, als wüsste sie wirklich alles, was sie zu erleiden hatten. Der Schreiaus der Tiefe ist das Grundmotiv der Erzählung vom Auszug aus Ägypten. Am Dornbusch hört Mose: Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört. Gott hört. Gott lauscht in der Tiefe. Mose und die schwarze Madonna. Zwei göttliche Antworten auf die gleiche Frage, auf den Schrei aus der Tiefe. Und wenn sie sich jemals schwach fühlten, brauchten sie nur ihr Herz zu berühren. Z.B. wenn ein geliebter Mensch entführt wird:

Szene: 43:55 - 47:12 (Die schwarze Maria / Madonna)

Amazing Grace und Traurigkeit. Schrei aus der Tiefe der Gegenwart zum Himmel, zum Herzen Gottes. Und doch am Ende Disharmonie. Scheitert die Gnade?

Doch dann versöhnen sich June und Lily bei der Wasserschlacht. Alte Feinde Hand in Hand. Und der Kreis schließt sich: Als May eine Schabe mit Keksen aus dem Haus lockt ist klar: Lilys Mutter war hier. Und dann findet Lily Zugang zum Herzen der Madonna. Sie vertraut: Gib, dass es Zac gut geht.

Doch mitten in diesen Heilungsprozessen der Tod von Miss May. Die Tragik des Lebens. Die zerstörerische Kraft der Ungerechtigkeit. Aber auch der leichte Flügelschlag der österlichen Hoffnung: Ich will nicht, dass ich traurig seid. Denkt daran wie glücklich ich sein werde mit April, Mama und Papa. Ich bin es leid, die Last der Welt auf meinen Schultern zu tragen. Ich werde sie jetzt einfach abladen. Für mich ist es an der Zeit zu sterben. Für euch aber ist es an der Zeit zu leben. Vermasselt es nicht. In Liebe, May.

Und am Ende nochmals das Schuldbekenntnis des Anfangs: Ich habe meine Mutter getötet, mich kann man einfach nicht lieben. Aber dieses Mal wird widersprochen: Natürlich kann man dich lieben. Du bist von ganz viele Liebe umgeben vom Bild von der Mutter zum Bild mit Mutter und Tochter!

Versöhnt mit der Vergangenheit und mit sich selbst dann die abschließende Begegnung mit ihrem Vater T-Ray. Und einmal blitzt sogar so etwas wie Verständnis auf: Am Tag, als meine Mutter starb, hast du gesagt, sie kam nur wegen ihrer Sachen. Ist das wahr? Nein. Nein. Nein, sie kam deinetwegen. Wieso hast du mir nicht die Wahrheit gesagt? Weil sie nicht meinetwegen kam.

Am Ende ist nicht alles gut. Aber viele Menschen sind mit dem Geheimnis des Lebens in Berührung gekommen. Die Bienenfarm ist nicht das Paradies, aber ein Ort, an dem man sich seines Weges vergewissern kann. Das Leben kommt nicht ohne Leid und Traurigkeit aus, aber Gott hört den Schrei aus der Tiefe.

Am Ende Wahrheit. Wahrheit, die nichts kaputt macht, sonder frei. Am Ende Liebe. Liebe die von Herzen kommt. Am Ende Vergebung: Ich glaube, dass ich mir vergeben habe. Geheimnis des Lebens. Am Ende Vertrauen. Maria ist immer da. Gott ist immer da! Geheimnis des Glaubens.

Die Bienen führen ein geheimnisvoll verborgenes Leben von dem wir keine Ahnung haben. Nicht nur sie.

Amen