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Predigt: „Wer früher stirbt ist länger tot" & Lk 15,11-24

Liebe Gemeinde!

Und dann steht er am Grab und weint und sagt: Es tut mir leid, Mama, dass du wegen mir nicht mehr auf dieser schönen Welt bist. Am Grab stehen und schuldig sein, das gehört nicht zu den einfachen Passagen eines Lebens. Und da geht es am Ende ja nicht einmal um objektive Schuld. Selbst wenn ich mich "nur" schuldig fühle ist das vernichtend. Wie geht man mit der Schuld des eigenen Lebens um? Ist der Tod die letzte Bedrohung oder die letzte Freiheit? Ist der Richter ein Hardliner vom Stammtisch oder ein Gott, der mich versteht?

Genau diese Fragen setzt Wer früher stirbt ist länger tot in Szene. Kann man das so humorvoll tun ohne die Tiefe zu verlieren? Ohne den Respekt vor diesen Fragen zu verlieren. Kann man die Auseinandersetzung mit Leben und Tod, mit Schuld und Vergebung so humorvoll führen? Ich denke man kann.

Man blicke nur einmal durch die Augen eines Elfjährigen und versetze diesen noch in die durch und durch katholische bayrische Provinz. Da sieht die Welt gleich ganz anders aus. Unverbraucht und offen für tausend Möglichkeiten. Aber eben auch eingebettet in eine alte christliche Tradition. Schön, dass wir uns die Weltsicht eines anderen zu eigen machen dürfen. Schauen wir mal durch die Brille des kleinen Sebastian. Und hin und wieder auch durch Gottes Brille auf die Welt.

Die Rettungsaktion für das Fahrrad wird zum Desaster für die Hasen. Karl, Walpurga und Co. überleben die gut gemeinte Rettungsaktion von Sebastian leider nicht. Und das bringt den Stein ins Rollen. Sein Bruder klärt ihn kompromisslos darüber auf, was er zu erwarten hat: Weißt du was passiert, wenn Leut ihr Lebtag lang Unheil anrichten und nicht dafür büßen müssen? Beim Sterben kommen sie vor das Jüngste Gericht. Und werden verurteilt und ins Fegefeuer geschmissen. Und du hast ein paar Sünden zu viel auf dem Buckel. Und dann folgen die Entschuldigungen: Tut mir leid, Karl, dass du wegen mir nicht mehr auf dieser schönen Erde sein darfst.

Bis dahin recht lustig. Doch das ändert sich. Plötzlich ist Sebastian schuld am Tod seiner Mutter. Und da ist es vorbei mit der Leichtigkeit. Schnell wären wir da zur Stelle um zu sagen: Wirklich Schuld ist er ja nicht. Aber die Brille, die wir auf haben sieht das anders. Die Grenze zwischen objektiver Schuld und gefühlter Schuld verschwimmt. Und ist es nicht am Ende so, dass es diese Grenze in unserem Erleben oftmals gar nicht gibt? Die Mama hast du auf dem Gewissen. Sie ist gestorben, weil du geboren bist. Also hast du sie umgebracht.

Nun hat der Film sein Thema. Es ist nicht der verlorene Sohn. Aber es ist sehr wohl die verlorene Mutter und die Frage nach der eigenen Schuld. Und es ist erfrischend, wie Sebastian sich daran macht, das Problem zu lösen. Und die Lösung ist für ihn glasklar: Er darf nicht sterben. Sonst hat er verloren. Die Lösung heißt: Ewiges Leben, unsterblich werden.

Sein erster Versuch, die Sündenlast etwas zu reduzieren scheitert bei der Reanimation der Hasen ziemlich eindeutig. Eine Szene am Rande und doch mit einem wesentlichen biblischen Bezugspunkt. Meine Sünden, meine Schuld kann ich nicht ungeschehen machen. Man kann das Leben nicht einfach zurück spulen wie einen Film. Manches können wir aus der Welt schaffen, vergeben und vergeben lassen. Das ist richtig. Aber manche Dinge lassen sich nicht mehr rückgängig machen. Der Tod schon gar nicht. Nicht einmal der Tod des Hasen Karl.

Und die Konsequenz? 14 Jahre Fegefeuer. Für einen Elfjährigen eine lange Zeit. Und dass er ein kleiner Junge ist entschuldigt auch nichts. Das Hohe Jüngste Gericht ist da nicht zu beeindrucken. Der Richter urteilt unerbittlich (ð Gottesbild).

Genial, dass gerade die Vertreter des Jüngsten Gerichtes auch am Stammtisch sitzen. Sie sind Sebastians erste Ansprechpartner. Und ihnen vertraut er auch sein Problem an: Ich darf nie sterben. Und dann beginnt eine Reihe von Versuchen, die Unsterblichkeit zu erlangen. Unsterblich sind Vampire, sagt der Stammtisch. Naja. Transsylvanien ist weit. Unsterblich werden wir nur in der Obhut unseres Schöpfers, dessen Güte uns dereinst für das ewige Leben auserwählen wird, sagt der Pfarrer. Und dann wird es ernst: Ja, aber was mache ich da jetzt, also konkret? Und die Antwort ist ein einziges Wort: Glauben, Sebastian, glauben! Die Unsterblichkeit ist also kein Ergebnis des Handelns, sondern des Vertrauens.

Das klingt im katholischen Bayern zutiefst reformatorisch. Unsterblich macht uns das Vertrauen, das Einer uns unsterblich macht. Es ist keine Möglichkeit des Menschen. Es ist einzig eine Möglichkeit Gottes. Im Bild des jüngsten Gerichts gesprochen: Das Urteil lautet Freispruch und damit Himmel und Leben, wenn Gott das will. Nicht weil ich es mir verdient habe. Anton bringt´s am Ende auf den Punkt: Ob man unsterblich wird, kann man sich nicht aussuchen.

Die Vorschläge zur Erlangung der Unsterblichkeit sind aber bei weitem noch nicht ausgereizt: Wenn wir sie essen werden sie ein Teil von uns und leben so weiter, heißt es am Mittagstisch. Gut für die Hasen, schlecht für die Katze. Aber auch der Stammtisch läuft zur Hochform auf. Als Sebastian seine Sorgen offenbart kommt der genetische Showdown: Wenn ich sterbe komme ich ins Fegefeuer, weil ich die Mama umgebracht habe. A gä, du hast doch deine Mama nicht umgebracht. Auf gar keinen Fall, also höchstens indirekt. Außerdem lebt ja deine Mama weiter in dir. Die Gene machen unsterblich.

Die Gene machen unsterblich. Irgendwie keine wirklich beruhigende Vorstellung. Meine Persönlichkeit, mein Leben, das was mir wichtig war, wofür ich stand in ein Gen gequetscht? Biologisch mag da ja was dran sein. Aber der Mensch besteht eben aus etwas mehr als Biologie. Er hat eine Seele, ein Innenleben. Und dann ist da ja auch noch der Geist, die Begeisterung, die Leidenschaft des Menschen. Biblisch gesprochen: Gott bläst dem Menschen den Lebensatem in die Nase. Nicht im biologischen Sinn, sondern im Sinne einer besonderen Beziehungsfähigkeit: Der Mensch kann sich auf Gott beziehen und so lebt er. So lebt er wirklich. Oder eben: Glauben, Sebastian, glauben!

Doch damit nicht genug. Gene hin, Gene her, die Ochsentour durch die Tore zur Unsterblichkeit geht weiter. Jetzt kommt der Wunsch ans Universum (ð indianische Schamanenkleidung & tibetanische Gebetsmühle, dazu fernöstliche Meditationshaltung). Köstlich!

[Narratio: Wunsch ans Universum II (ð Liebe).]

Doch der zentrale Tipp kommt wie der Wunsch ans Universum von Radio Universe: Jimmy Hendrix! Mit 15 ist seine Mutter gestorben und mit 27 ist er gestorben und trotzdem ist er unsterblich. Wieso unsterblich? Weil er Musik gemacht hat, die selbst 35 Jahre nach seinem Tod noch rauf und runter gespielt wird. Die Musik macht unsterblich. Das ist es! Und hier spürt man auch eine Leidenschaft des Films. Die Musik. John Ferdinand Woodstock. Jimmy Hendrix. Jennis Joplin. Verkörpert durch den heimlichen Helden Anton. Ihm gehört die erste Szene und die letzte. Und er bringt die entscheidende Erkenntnis ans Licht: Die Musik macht unsterblich. Das ist es!

Am Grab (ð Ort der Trauer und der Zwiesprache) vertraut sich Sebastian seiner Mutter an. Seine Sorge kommt zur Sprache und seine Hoffnung: Wenn ich sterbe, dann komme ich in die Hölle. Und du bist bestimmt im Himmel. Und dann haben wir ja wieder nichts voneinander. Und deshalb darf ich auf keinen Fall sterben. Und deshalb möchte ich Gitarre lernen wie du. Und jetzt möchte ich dich fragen, ob du mir das erlaubst.

Filmszene: Vater und Sohn (ðGitarre ) 0:41:42-0:43:40

Diese Begeisterung für die Musik spürt man auch als Vater und Sohn die zerbrochene Gitarre der Mutter wieder besaiten. Man sieht das Glück in ihren Gesichtern. Die Schwere der Vergangenheit weicht der Heiterkeit der Gegenwart. Es ist fast, als ob sich die Schatten der Vergangenheit in dieser Szene das erste Mal verflüchtigen. Da sind sie ganz beieinander. Da üben sie verspielt das Wechselspiel von Schuld und Vergebung. Nach dem versuchten Gitarrenklau darf Sebastian zu seinem Vater kommen. Und bekommt die Gitarre seiner Mutter. Und die Ohrfeigen sind anders als die Ohrfeigen zuvor. Und das Gesicht des Vaters ist anders als sein Gesicht zuvor.

Dennoch, obwohl die Musik eine echte Option ist, versucht Sebastian es auch weiter mit Wiedergutmachung. Sicher ist sicher. Frau Kramer wäre die perfekte Wiedergutmachung nachdem klar ist, dass sie sogar Leviten lesen kann. Ohne Frau Kramer wäre uns die wirkliche Begegnung mit dem Tod erspart geblieben. Die Begegnung mit der Traurigkeit, den Tränen, dem Aushalten des Todes.

Aber auch die Begegnung mit der Schönheit der Lebensgeschichte eines sterbenden Menschen wäre uns vorenthalten geblieben. Das Bett rollt durch die grüne Wiese unter blauem Himmel und das Leben nimmt noch einmal Gestalt an. Der Mensch ist mehr als das was wir sehen. Der Mensch ist auch seine eigene Geschichte. Auch der sterbende Mensch. Und Oma Krämer verdanken wir die Erkenntnis, dass Sebastians Mutter im Himmel ist. Anton sei Dank!

Und am nächtlichen Weiher regelt sich dann auch noch die Frauenfrage für seinen Vater. Das letzte Problem geht er noch einmal selbst an. Anton ist zu viel. Und ohne Opfer geht es eben nicht. Wie bei Abraham und Isaak. Und so kommt es zwischen Abraham-Sebastian und Isaak-Anton zum Showdown. Doch der Tod bleibt auf der Strecke. Anton wird vom Strick geschossen und Sebastian überlebt die Schlaftabletten. Aufgebrochen ist er, um Anton zu töten. Und dann rettet er ihm das Leben. Und dann, zwischen Tod und Leben, begegnet er seiner Mutter. Findet endlich einen Ausgang aus dem Labyrinth von Schuld und Angst. Seine Mutter nimmt ihn an der Hand. Keine Schuldzuweisung. Kein Vorwurf. Weder bei der Mutter hier noch beim Vater dort.

Und am Ende blüht das Leben, die Angst hat ausgedient. Nochmals beginnt ein neues Leben für Sebastian. Der Schluss, ein wunderschönes Versöhnungsbild. Anton ganz angekommen bei seiner Musik und Sebastian in der Unsterblichkeit. Eine wunderschöne Szene. Befreite Menschen. Erlöste Menschen. Denn nicht Unsterblichkeit ist die Antwort, sondern Versöhnung.

Filmszene: Schluss (ð Anton & Sebastian) 1:33:42-1:36:16

Machen wir dich mal unsterblich! Aber des brauchts doch gar nicht mehr! Das kann man sich nicht aussuchen! Nein, das kann man sich nicht aussuchen. Und am Ende ist man es am Ende dann doch nur, weil ein Anderer es will. Das ist Glück! Mehr noch: Das ist Gnade! Und die macht frei!

Am Grab der Mutter ð CD Nr.13 Amen