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Saint Jaques - Pilgern auf FranzösischPredigt: „St. Jacques - Pilgern auf Französisch & Ps 37,5

Liebe Gemeinde!

Ultreia! E suseia! Deus adiuva et Santiago! Voran! Höher hinauf! Gott helfe uns und Santiago! Saint Jacques - Pilgern auf Französisch - trotz des Themas kein religiöser Film. Aber ein Film, der in einen spannenden Dialog mit unserer christlichen Tradition eintreten kann.

Bei aller Skepsis, bei aller Kritik an der Kirche, bei allem Lob für den durch die Aufklärung befreiten Geist: Es geht um mehr als das, was vor Augen ist. Und die Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit taucht immer wieder auf. Markant verpackt in zum Teil befremdlich-irritiernde Traumsequenzen. Schwer zu interpretieren, aber in ihrer Fremdheit auch kaum zu entschärfen mit rationalen Argumenten.

Interessant bereits die Eröffnung. Anhand des Briefes, der die ganze Sache ins Rollen bringt, wird uns eine auf Effizienz getrimmte, durchrationalisierte und in rasendem Tempo sich bewegende Gesellschaft gezeigt. Es sind die schnellsten und lautesten Szenen des Films. Was dann folgt ist im Prinzip eine ständige Verlangsamung und es wird immer leiser. Dahinter darf man die Frage vermuten: Wer ist der Mensch in dieser Gesellschaft? Welche Bedeutung hat der Mensch mit seinen Sorgen und seiner Sehnsucht in einem solchen System?

Und in der Tat ist eine Pilgerreise ein gutes Medium für die Entdeckung der Langsamkeit. Sozusagen ein Gegenentwurf zur gesellschaftlichen Hektik, wo es ständig an Zeit fehlt, wo besser ist, was schneller geht. Auf dem Jakobsweg dagegen gibt es reichlich Zeit und wenig zu tun - außer wandern, wandern, wandern. Viel Landschaft, wenig Steckdosen und noch weniger Empfang für Handys. Auf dem Weg kommt das Leben zur Ruhe. Die Ablenkungen nehmen ab wie das Gewicht der Rucksäcke. Der äußere Weg ebnet die Bahn für das Gehen des inneren Wegs. Die Ruhe fließt von außen nach innen.

Die Verlangsamung des Lebens, das Heraustreten aus den Routinen des Lebens um zu sich selbst und zu Gott zu finden, ist ein altes Motiv. Jesus geht 40 Tage in die Wüste um zu klären, wer er ist, wer Gott für ihn ist und was in seinem Leben gelten soll. Wir haben die Geschichte in der Schriftlesung gehört. Und als er die zentralen Lebensfragen nach Reichtum, Macht, Egoismus und auch die nach der Versuchung Gottes für sich beantwortet hat, kehrt er zurück aus der Wüste ins Leben. Jetzt ist klar, was für ihn gilt. Jetzt ist klar, für was er steht. Jetzt geht er nicht irgendeinen Weg, sondern seinen Weg.

Unsere Pilger haben andere Motive. 1,7 Mio. € müssen von einer karitativen Einrichtung losgeeist werden. Und das geht für Clara, die desillusionierte Lehrerin, für Pierre, den reichen Firmenlenker und für den Alkoholiker Claude nur über den Jakobsweg. So gedenkt die verstorbene Mutter ihrer zerstrittenen Kinder. Natürlich wollen Sie nicht. Pierre: Zuerst einmal bin ich kein Christ. Ich habe eine schwache Gesundheit. Ich habe eine Firma zu leiten. Ich habe Verpflichtungen. Und Clara beschreibt schön das wenig harmonische Verhältnis unter den Geschwistern: Keine Pilgerreise mit einem Alkie und einem Arbeitsjunkie! Nur Claude hat nichts dagegen, sofern es Bars in Santiago gibt.

Und dann sind da noch Camy und Elsa, die die Pilgerreise geschenkt bekommen haben. Mathilde, nach Scheidung und Chemotherapie auf dem Weg zu sich selbst. Und natürlich Said, der um der Liebe willen pilgert und Ramzi auf dem Weg nach Santiago de Mekka. Und zwischen allen Stühlen und allen Pilgern Guy, der ausgleichende Wanderführer.

Und dann geht´s los. Claude schnorrt in gewohnter Manier noch schnell 300 € um sein Taxi zu bezahlen. Ramzi ist irritiert, weil es nach Santiago geht bis Said ihm versichert, dass es sich um Santiago de Mekka handelt. Die Motive der Pilger sind ziemlich klar, die innere Läuterung, zu sich selbst und zu Gott finden gehören eher nicht dazu. Und doch: Bei der Segnung der Pilger in der Kirche werden eifrig Gebetsanliegen aufgeschrieben. Kann ja nicht schaden. Wer weiß? Warum nicht? Sogar die weltliche Clara lässt sich dazu hinreißen.

Die Szene mit den Ordensschwestern ist eine Karikatur: Keine Politik, streichen wir arbeitslos. Schreiben wir krank. Noch ist er nicht krank. Wird schon noch kommen. Beten sie für mich ist zu egoistisch: Wir schreiben: Beten sie für die Seele meiner Mutter. Wo liegt Santiago de Mekka? Ich hab keine Ahnung. Weiter. Das ist Kirche weit weg von den Menschen und ihren Anliegen. Von Einfühlungsvermögen keine Spur. Was den Menschen wichtig ist vor Gott, wird so lange verkirchlicht bis es passt. Eine Karikatur der Kirche. Ebenso amüsant wie unprotestantisch.

Und dann immer wieder das Wechselspiel zwischen schönen, stillen Landschaftsaufnahmen und sozialer Trostlosigkeit. Sie beschimpfen sich und prügeln sich. Sie ignorieren sich und hassen sich. Unversöhnt sind sie mit den Geschwistern, mit ihrem Leben, mit sich selbst. Friedlose Menschen auf dem Weg zu 1,7 Mio. €. Die Rucksäcke mögen schwer sein. Noch schwerer aber sind die Altlasten ihres Lebens, die sie mit sich herum schleppen. Lasten, die sie nicht einfach mal beim Wegschlüpfen entsorgen können. Das Fest nach langer Trauer muss noch warten. Vergeben und Verzeihn sind noch kein Thema.

Schön kommt dieses Unversöhnliche in einer der Pausen zum Ausdruck. Wie üblich hat Claude nichts zu trinken - wie er ja überhaupt nie was hat. Als Pierre ihm nichts gibt, antwortet er auf die Frage, wer denn das Wasser den Berg herauf getragen habe, indem er psalmodiert: Du allein, Pierre, denn du bist mutig und stark. Nichts kann dich aufhalten und du schaffst alles, was du dir vornimmst und ich bewundere dich, Pierre. Und direkt danach ist Clara dran: Clara, du bist eine große Lehrmeisterin in einem großartigen Bildungssystem. Das mag ich: Jedem seinen Scheiß! Und Clara kontert, als Mathilde Claude dann doch etwas zu trinken gibt: Großer Fehler. Der leitet ein Staubsaugerunternehmen, der Herr. Den werden sie erst wieder los, wenn es nichts mehr abzustauben gibt.

Ganz anders ist Ramzi. Naiv und doch nicht wirklich naiv unterbricht er immer wieder die Streitereien. Alle kriegen sich in die Wolle und Ramzi? Ich glaub´s nicht: Da sind Kühe! Überhaupt ist Ramzi so etwas wie die gute Seele der Gruppe. Er ist echtes unverfälschtes Gefühl inmitten von Ablehnung und Kalkül. Er kann ehrlich sein. Er kann traurig sein. Er kann sich freuen. Nur lesen kann er nicht.

Und dann schleicht sich in unsere unharmonische Gruppe erstmals Harmonie ein. Kaum wahrzunehmen, aber auch danach immer wieder ins Bild gesetzt. Unterm Baum bei Pierre und Guy. Perfekt dann die ganze Gruppe am Gartentor des Pfarrers. Doch hier der erste echte Rhythmus, Gleichklang ist zu sehen beim Abendessen in der Herberge als sie Suppe löffeln. Und der Choleriker Pierre liegt lammfromm im Frauenschlafsaal!

In dieser Nacht dann die erste Traumsequenz. Ramzi wird von einem überdimensionalen A angegriffen und ertrinkt darin. Pierre sitzt neben seiner Frau, die sich sozusagen selbst ersäuft und nicht mehr ansprechbar ist im riesigen Wasserglas. Und Mathilde steht vor Claude ohne Haare, nachdem er - der Staubsaugerunternehmer - ihr die Perücke abgesaugt hat. Es sind die unterschwelligen Ängste, die in den Träumen begegnen. Man könnte auch sagen: Hier taucht auf, was wir nicht selbst im Griff haben. Die Ängste sind dabei auf dem Weg. Sei´s auf dem Pilgerweg oder auf dem Lebensweg. Nicht umsonst ist eines der eindrücklichsten und am häufigsten wiederholten Worte der Bibel: Fürchtet euch nicht!

Und dann hin und wieder auch etwas Bibel auf dem Jakobsweg. Analphabeten, o nein, danke. Jedem sein Kreuz. Ohne mich. Nein, hören wir Clara antworten auf Saids Bitte, Ramzi das Lesen beizubringen. Jedem sein Kreuz. Das ist biblisch: Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach (Mk 8,34). Jedem sein Kreuz, ja. Sein Kreuz wahrnehmen und annehmen, ja. Sein Kreuz tragen, vielleicht schwer daran tragen, ja. Aber: Jeder allein mit seinem Kreuz, nein. Einer trage des Andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen (Gal. 6,2). Oder präziser noch und schärfer: Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst. Wegsehen war gestern. Solidarität hat Zukunft. Miteinander ist man auf dem Weg, gemeinsam!

Und dann beginnen sie abzuwerfen. Kosmetika, Medikamente und Masken. Clara bringt Ramzi das Lesen bei. Pierre stirbt nicht, sondern lebt ohne seine Medikamente ganz wunderbar. Wird einfühlsam. Bekennt nachts unterm Handybaum seiner Frau: Ich habe doch nur dich! Aus dem Macher wird der Mensch. Die Wasserflasche wandert nun ganz selbstverständlich von Hand zu Hand, sie singen und lachen, halten die Stille aus. Und sogar Pierre findet nun Gesprächspartner.

Und auch in die Träume kommt Bewegung. Noch immer Schwere: Clara zieht den Karren, Claudes einzige Medizin ist der Alkohol. Aber: Guy trägt die Laterne, das Licht voran. Ein Lichtblick. Einer, der weiß, wo es lang geht.

Dann der vielleicht schönste Dialog des Films. Ramzi und Clara beim Lesenlernen: Zidane beginnt mit Z, das ist der letzte Buchstabe im Alphabet. Aber im Fußball ist Zidane voll Nr. 1. Siehst du, hin und wieder sind die Letzten eben die Ersten. Das passiert nur leider nicht so oft. Doch, doch, das kommt vor und oft reicht auch einmal. Und wofür reicht einmal? Für die Hoffnung. Das ist null angesagt, Hoffnung. Blödsinn. Was ist denn das, Hoffnung? Sag ich dir gleich, ich schreib´s erst mal. Also: Hoffnung. Genau! Hoffnung ist angesagt für unsere französischen Pilger.

Als Hoffnung besteht, dass das ganze zu einem guten Ende kommt, da kommt das Ende plötzlich. Clara, Pierre und Claude haben die 1,7-Millionen-Strecke geschafft und können heim.

Abschiedsszene: 1:11:06 - 1:13:18 - 1:14:40

Was ist da unten? Der Weg! Und den muss man zu Ende gehen. Der Weg ist nicht das Ziel, sondern der Weg ist der Weg und das Ziel ist das Ziel. Am Ziel ist man am Ziel und der Weg hat Sinn gemacht. Also ab nach Santiago de Mekka. Ein symbolischer Weg. Zu einem lohnenden Ziel: Sich selbst zu finden.

Pierre läuft zu großer Form auf: Wir sind Brüder und Schwestern, kapiert. Und Geschwister trennt man nicht, Herr Pfarrer, die lässt man zusammen. Nur zusammen kommen sie durchs Leben, das verstehen Sie doch?

Schließlich die dritte Traumsequenz:. Das Furcht erregende A verwandelt sich in Ramzis Mutter und er verabschiedet sich von ihr. Und allesamt verlassen sie das Labyrinth, indem sie Guy folgen, der mit der Lampe voraus leuchtet.

Dazu die Entsprechungen im realen Leben. Versöhnung unter den Geschwistern. Alte Feinde Hand in Hand. So ist Versöhnung. So ist Vergeben und verzeihn. Und geteiltes Leid. Ramzis Mutter ist gestorben. Als Said es ihm sagt, in Finis Terrae, am Ende der Welt, da sind alle von seiner Trauer betroffen, alle fühlen mit. Seine Traurigkeit ist ihre Traurigkeit. Nicht mehr: Jedem sein Kreuz, sondern mittragen.

Der gemeinsame Weg hat sie verändert. Pierre pilgert mit seiner Frau. Claude lässt die Bar links liegen. Clara gibt Ramzi ein neues zu Hause: Am Ende lachende und fröhliche Menschen. Menschen, die bei sich angekommen sind Beim wahren Menschsein. Der Weg hat sich gelohnt. Vielleicht geht Pilgern ja auch auf deutsch? Amen