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beim leben meiner schwesterPredigt: „Beim Leben meiner Schwester“ (Ps 36,6 & Ps 90,12)

Liebe Gemeinde,

es endet wo es beginnt. Der Film endet wo er beginnt. In Montana. Wo es weit ist und der Himmel blau. Wo die Erinnerungen lebendig sind. Die Erinnerungen an das Leben und an das Sterben. Beim Leben meiner Schwester. Ein Film im Rückblick. Und im Rückblick viele Rückblicke. Die klare Ordnung der Zeit gerät durcheinander. Vergangenheit wird gegenwärtig. Was vorüber ist wird lebendig. Die Erinnerung holt zurück, was verloren ist: Wenn du mich suchst, geh nach Montana. Da werde ich sein.

Nach dem Tod ist nicht nichts. Nach dem Tod ist Erinnerung. Und ein Stück blauer Himmel. Und Im Himmel Leidenschaft für das Leben.

Ein spannendes Thema. Da spannt wirklich viel. Manchmal zerreißt es einen fast. Wo ist die Grenze? Was darf dem Leben zugemutet werden? Was muss getan werden um das Leben zu erhalten? Ist das richtig: Ich wurde künstlich erschaffen. Geboren zu einem ganz bestimmten Zweck: Um das Leben meiner Schwester zu retten. Was ist Anna denn nun: Retterin oder Ersatzteillager? Hat sie nur einen Zweck oder ist sie ein freier Mensch mit Recht auf ein eigenes Leben?

Keine Frage: Beim Leben meiner Schwester ist ein Film auf der Grenze. Es geht nicht um generelle Wahrheiten, sondern um Menschen. Es geht nicht um die allgemeine Frage wie weit der Mensch als Schöpfer des Menschen gehen darf. Es geht um eine konkrete Familie. Und es geht nicht um die Frage was an sich richtig ist und was nicht. Es geht um das, was für diese fünf Menschen richtig ist und was nicht. Und zwar dort wo es um Leben oder Tod geht. Was für uns richtig ist, werden wir heraus finden müssen, wenn wir vor dieser Frage stehen. Und möge sie uns dann nicht unvorbereitet treffen.

Der Film verwendet hier ein schönes Stilmittel: Den Wechsel der Perspektive. Mal sehen und hören wir Sarah, mal Brian, mal Anna, mal Jesse, aber nie Kate! Konsequent wird subjektiv erzählt. Es geht um das Erleben der Menschen. Um ihre Betroffenheit. Sie sind Teil der Leidensgeschichte von Kate. Und indem sie uns durch ihre Augen sehen lassen, werden wir es auch. Kate ist unsere Schwester. Kate ist der Mensch um den wir weinen. Kate ist das Leiden, das wir nicht verstehen und zutiefst als unrecht empfinden.

Doch die Krankheit von Kate hat zuerst einmal etwas Schöpferisches. Für Anna – Andromeda - ist die Krankheit das Tor zum Leben: Manchmal frage ich mich was passiert wäre, wenn Kate gesund gewesen wäre? Dann wäre ich vermutlich immer noch da oben im Himmel und würde darauf warten, dass mir ein Körper hier unten auf der Erde zugeteilt wird. Geplant oder nicht: Ich bin hier!

Und sie hat ein klares Bild von ihrer Bestimmung: Ich bin ein Designerbaby. Ich wurde in einem Reagenzglas gepostet als Ersatzteillager. Wenn sie das sagt hat das etwas Leichtes. Aber was ist der Mensch als Ersatzteillager? Kann das verordnete Bestimmung sein? Oder ist es nicht vielmehr so, dass man die Bestimmung, sein Leben für einen Menschen einzusetzen, nur selbst finden und annehmen kann? Und das ist der Unterschied zwischen Sara und Anna. Die Mutter hat sich entschieden für ihre Tochter zu kämpfen, koste es was es wolle. Anna hat sich nicht entschieden, über sie wurde entschieden. Und irgendwann schreit sie ihrer Mutter dann entgegen: Ich bin auch wichtig, Mam. Ich bin auch wichtig!

Aber Anna ist im Film auf dem Weg zur Freiheit. Der ganze Film ist ein Befreiungsschlag. Anna findet die Freiheit, sich für ihre Schwester einzusetzen indem sie sich verweigert. Kate bekommt die Freiheit sterben zu dürfen. Und Sara wird frei von ihrer Sucht, den Tod aus der Wirklichkeit zu verbannen. Es ist kein einfacher Weg zur Freiheit. Für alle nicht. Und doch steht am Ende nicht der Tod, sondern das befreite, versöhnte Leben. Freiheit ist auch ein Geschenk. Freiheit führt in die Verantwortung. Und Verantwortung zum Leben.

Die Bibel hat mit Blick auf den Tod eine sehr nüchterne Seite: Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen auf dass wir klug werden. [Ps 90,12]. Der Tod gehört dazu. Sterben ist ein Teil des Lebens. Deshalb ist es wichtig, das Sterben zu bedenken. Das eigene Sterben und das Sterben der anderen. Damit das Sterben wirklich auch Teil des Lebens sein darf. Weil wir im Sterben so wenig vergessen sind wie im Leben. Denn da sagt einer: Kommt wieder Menschenkinder. Die Bibel erinnert uns: Du stirbst nicht ins nichts. Du stirbst nach Hause. Diese Einsicht kann klug machen. Dankbar für die Tage, die wir bekommen. Demütig, weil uns diese Tage nicht gehören.

Das Leiden ist allgegenwärtig. Es tut weh, diesen Teenager sagen zu hören: Mein ganzes Leben ist ein Schmerz. Sara kämpft dagegen mit unglaublicher Energie und ebenso unglaublicher Verblendung. Kate muss leben wollen. Anna muss helfen wollen, das Kate leben wollen kann. Jesse, der kleine Legastheniker, geht einfach unter in der Fixierung aller auf Kate. Und Brian, der Vater, leidet still mit allen. Leiden ist teil des Lebens. Der Film erinnert uns daran. Die Bibel auch. Gott sei´s geklagt!

Wer ist schuld? Einmal taucht diese Frage auf. Eher flüchtig. Brian sagt ernüchtert und traurig: Es war unsere Schuld. Wir haben uns gegen die Natur gestellt und jetzt die Quittung bekommen. Was darf man tun, um Leben zu retten und was nicht? Sind menschliche Ersatzteillager in Ordnung? Wer wird am Ende gerettet und wer geopfert? Das ist ein heikles Thema. Und deshalb steht über allem die Freiheit zu retten und die Freiheit zu sterben. Weder das Eine noch das Andere darf man verordnen. Man kann es nur aus freien Stücken wollen.

Der Firm ist dennoch kein trostloser Film. Immer wieder Atempausen. Erinnern Sie sich an die Szene auf dem Rummel, die Familienbilder in der viel zu engen Kabine? Entspannung. Leichtigkeit. Glück. Die Liebe zu Taylor. Ein Heilmittel der ganz anderen Art. Geborgenheit. Zärtlichkeit. Vertrauen. Und Abschied. Bei Kate bald darauf die Erkenntnis: Es ist so weit: Ich weiß dass ich jetzt sterben werde. Ich glaube, das habe ich immer gewusst. Ich wusste nur nie wann. Ich akzeptiere das, wirklich. Es macht mir nichts aus, dass meine Krankheit mich zerstört. Aber sie zerstört auch meine Familie!

Und da kommt erstmals Kates Buch ins Spiel. Ich habe es ihr Buch des Lebens genannt. Darin hat sie ihr Leben in Bildern und Worten festgehalten. Ihre Freude und ihre Traurigkeit. Dad, ich weiß, dass ich dir deine erste Liebe weggenommen habe. Ich hoffe, dass du sie eines Tages wieder zurück bekommst.

Jesse: Es tut mir leid, dass ich all die Aufmerksamkeit auf mich gezogen habe als du sie gebraucht hast. Mam, du hast alles für mich aufgegeben … nur um jeden Tag meine Schlachten für mich zu schlagen. Tut mir leid (Lebens-Buch), dass du nicht gewinnen konntest Anna: Tut mir leid, dass ich zugelassen habe, dass sie dir weh getan haben. Tut mir leid, dass ich nicht auf dich aufgepasst habe. Das hätte andersrum sein sollen. Was wird einmal in meinem Buch des Lebens stehen. Nicht als Bilanz, sondern als ehrlicher Blick zurück, dann wenn der Tod kommt?

Und dann die für mich schönste Szene des Films. Der Arzt sagt: Das war´s. Wir sind am Ende. Und Kate will an den Strand:

Szene: Der Strand / 1:06:35-1:10:34

Ein anderes Thema des Films ist das Loslassen. Schön wie Jesse die Teile seines Bildes von Kate vom Dach des Gerichtsgebäudes in den Wind streut. Loslassen. Frei geben. Vertrauen, dass nach dem Tod nicht nichts ist. Und daraus Mut schöpfen. Den Mut in den Gerichtssaal zu gehen und Klartext zu sprechen. Den Mut zu sagen, was dem Leben dient und sei es durch den Tod hindurch: Sag ihnen endlich warum wir hier sind! Kate will sterben, das ist der Grund! Sie wollte, dass Anna das hier macht. Sie will sterben und jeder weiß es. Du liebst sie einfach so sehr, dass du sie nicht gehen lassen willst. Komm, Mam, Kate ist bereit. Sie hat es dir eine Million mal gesagt. Du wolltest es nicht hören.

Was wird sein wenn der Tod kommt? Österliche Funken fliegen unscheinbar durch den Schlussteil des Films. Auf der anderen Seite wartet vielleicht Taylor. Montana als paradiesischer Ort – dort werde ich sein. Annas letzte Einsicht: Ich bin sicher, dass ich sie eines Tages wieder sehen werde. Bis dahin bleibt unsere Beziehung bestehen. Schön, dass dem Tod widersprochen wird. Er soll nicht das letzte Wort haben. Die Sehnsucht wagt viel mehr: Den Blick über den Horizont hinaus. Und der Horizont von Montana ist der Horizont von Ostern.

Sie ist einfach gegangen und ist jetzt ein kleines Stück blauer Himmel. Und wir müssen weiter leben. Das Leben geht weiter – aber anders. Im Film – vor allem aber bei uns. Wenn die Menschen sterben an denen unser Herz hängt. Der Tod ist einfach der Tod und niemand versteht das. Der Tod ist einfach der Tod aber Einer versteht das. Und setzt auf das Leben: Kommt wieder, Menschenkinder. Der Tod. Die Weite. Geborgenheit: Herr, deine Güte reicht so weit der Himmel ist und deine Wahrheit so weit die Wolken gehen [Ps 36,6].

Lied von CD Nr. 10 [Sorry about Kate / 0:30]

Amen