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Willkommen bei den SchtisPredigt: „Willkommen bei den Sch´tis“

LWillkommen bei den Sch´tisiebe Gemeinde!

Willkommen bei den Sch´tis – willkommen im Leben. Ein Film mit jeder Menge Situationskomik. Ein Film mit witzigen Dialogen: Ein Film mit grotesk inszenierten Vorurteilen – denken Sie nur an den Katzen jagende Ex-Bergarbeiter.

Der große Charme des Film aber liegt darin, dass die großen Themen Liebe, Wahrheit und Selbsterkenntnis dennoch authentisch zu ihrem Recht kommen. Eine heitere Folie für echte Gefühle und tiefe Erkenntnis. Und dass der Reisende in ein fernes, unbekanntes Land im Norden Frankreichs gerade Abrams heißt - also fast genau wie jener Abram, der aus Ur in Chaldäa auszog - das könnte uns zu denken geben. Vielleicht sind am Ende ihre Voraussetzungen, ihre Wege und ihre Erkenntnisse ja gar nicht so verscheiden –auch wenn sie unterschiedlich gern losgegangen sind!

Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will … dich segnen … und du sollst ein Segen sein. … Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte (Gen 12,1-2.4).

Die Region Nord Pas de Calais ist die nördlichste Region Frankreichs zwischen Belgien und dem Ärmelkanal und Heimat des Regisseurs Dany Boon. Hier lag sozusagen das Ruhrgebiet Frankreichs mit Kohlebergwerken und Stahlindustrie. In den 60er Jahren begann das große Minensterben und die Region bekam ein völlig neues wirtschaftliches Gesicht. Aber die alten Vorurteile blieben erfrischend vital und lieferten die Steilvorlage für den Film Willkommen bei den Sch´tis. Und wir können schon mal verbuchen: Eine neue Wirklichkeit bedeutet für Vorurteile erst einmal wenig. Dazu sind sie viel zu praktisch und manchmal auch viel zu schön.

Im Nord Pas de Calais spricht man den Dialekt der Ch i, die nordromanische Mundart Chtimi. Sie klingt, als ob jeder einzelne Zahn des Sprechers einen Liter Wasser aufgesogen hätte. Für die deutsche Fassung des Films wurde ein fiktiver Dialekt entwickelt, der dem Ch´tie möglichst nahe kommt: Is, duda, Busch, schack-schack, Garschoon, is sag dir wasch.

Doch zurück zum Anfang. Im gelobten Land nämlich beginnt der Film und dort endet er gewissermaßen auch. Also: Phillipe Abrams kommt an, nur drei Jahre später und anders. Versetzung an die Cote d´Azur. Das ist der Traum des Postbeamten Phillipe Abrams. Und später erfahren wir: So will er seine Ehe retten oder ihr zumindest neue Impulse geben. Und damit kommt etwas in Gang, das das Leben der Familie Abrams verändert. Aber eben nicht sofort, sondern nach und nach – und ganz anders als geplant.

Eine zutiefst menschliche Erfahrung. Wir sind fixiert auf ein bestimmtes Ziel, eine bestimmte Version der Zukunft. Und dann kommt es anders. Die mit Behinderung geförderte Beförderung wird verhindert durch die eigene Dummheit. Und dann geht es nach Norden und nicht nach Süden: Suspendiert? Schlimmer! Gefeuert? Schlimmer! Ab in den hohen Norden. Das ist noch die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht: Du musst zwei Jahre dort bleiben. Und dann trifft das Vertrauen in eine gute Zukunft auf die Erfahrung, dass es nicht gekommen ist wie man es sich erhofft, erdacht, ersonnen hat.

Und genau diese Lebens-Erfahrung wird verdichtet in den Sprüchen Salomos (Spr. 16,9): Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der HERR allein lenkt seinen Schritt. Wenn das was passiert nicht zu dem passt, was ich erhofft habe, dann ist noch nicht aller Tage Abend. Auch wer nordwärts fährt kann im Süden landen! Vertrauen statt Lähmung und Frustration!

Und faszinierend wie sich Phillipe in der Welt der Frustration einrichtet: Ich sammle dort Punkte. Auf der Skala zählen 2 Jahre im Norden als wäre man behindert. Er hat die Zeit im Norden abgehakt bevor sie beginnt. Erwartungsniveau Null. Und dann die Schilderungen des Onkels von Julie sinnigerweise basierend auf Erfahrungen von 1934: Im Sommer geht es, da hat es Null Grad. Aber im Winter bis zu minus 40 Grad! Die Ängste Rafales: Ich will nicht meine Zehen verlieren. Ich will nicht an den Nordpol. Und dann noch Eisnebel via Internet.

Das ist Schicksal. Die rote Steppjacke ist die letzte Hoffnung auf ein Überleben in der Eishölle des Nordens. So gerüstet geht es los. Mit 50 km/h über die Autobahn. Erschütterte Polizisten: Nord Pas de Calais. Sintflutartige Regengüsse. Und dann der erste Sch´ti – und der erste Schock. Man versteht sich nicht. Weder sprachlich noch menschlich. Der Busch und der Bus sind da noch das kleinste Problem. Es knirscht. Die Wirklichkeit und das Vorurteil prallen aufeinander. Soll er doch dahin zurück wo die Auberginen wachsen!

Was machen Vorurteile aus unserer Wahrnehmung? Der Axtdieb: Ein Mann fand eines Tages seine Axt nicht mehr. Er suchte und suchte, aber sie war verschwunden. Der Mann wurde ärgerlich und verdächtigte den Sohn seines Nachbarn. An diesem Tag beobachtete er diesen ganz genau. Und tatsächlich: Der Gang des Jungen war der Gang eines Axtdiebs. Die Worte, die er sprach, waren die Worte eines Axtdiebs. Sein ganzes Wesen und sein Verhalten waren die eines Axtdiebs. Am Abend fand der Mann die Axt durch Zufall wieder. Als er am nächsten Morgen den Sohn seines Nachbars erneut betrachtete, fand er weder in dessen Gang, noch in seinen Worten oder seinem Verhalten irgend etwas von einem Axtdieb.

Aber es kommt Bewegung in die Dinge und die Menschen. Annabelle stellt fest: Das ist ein Netter, das sieht man an seinem Blick. Erste Blicke hinter die fest gefügten Fassaden. Und dann Antoine am Glockenspiel. Da wird hörbar, was im Glockenturm in alter Tradition möglich ist, aber unter den Menschen am Fuße des Turms noch fehlt: Harmonie und Einklang. Und dann die Möbelsammlung.: Erstmals wirkliche Beziehung. Phillipe nimmt wahr, dass sie tun, was sie nicht hätten tun müssen. Warum? Und er revanchiert sich mit einer Einladung. Die fest gefügte und mit Vorurteilen zementierte Sicht des Nord Pas de Calais und seiner Menschen bekommt erste Risse. Es beginnt etwas Wunderbares: Aus Fremden werden Freunde.

Und die Sch´tis tun etwas sehr Biblisches. Sie nehmen den Fremden in seiner Fremdheit auf (3. Mose 19,33f): Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. Ich bin der HERR, euer Gott.

Und dann werden zwei Linien immer deutlicher: Phillipe versteht das Sch´ti, denkt sich ein und fühlt sich ein, aber seine Frau versteht ihn nicht. Er traut sich nicht, ihr die Wahrheit zu sagen. Seine falsche Wahrheit ihr gegenüber ist das blutleere, leblose Vorurteil, das Versteckspiel. Seine gelebte Wahrheit aber sind aufblühende Echtheit, wachsende Offenheit, sich vertiefende Herzlichkeit. Er kommt im Norden an, wird heimisch. Und ist zu Hause nicht mehr zu Hause. Phillipe Abrams lebt nun in zwei Welten! Das kann nicht gut gehen.

Wunderbar karikiert im Film. Auf der einen Seite seine Frau, die ihm eine Fellmütze schenkt: Du kannst ruhig weinen! Und dann die Szene im Stadion. Die große Gemeinschaft der Sch´tis im Stadion von Lille. Und mittendrin ein aufgeräumter, froher Postbeamter. Der Umweg beginnt sich zu lohnen. Das Eis taut. Phillippe Abrams kommt an - nicht nur im Norden, sondern auch bei sich selbst!

Man ahnt schon, dass das alte Sch´ti- Sprichwort nicht von ungefähr kommt: Lässt sich ein Fremder hier bei uns im Norden nieder, dann winselt er zweimal. Wenn er hier ankommt und wenn er wieder geht. Und das obwohl Philippe erwidert: Mein Zuhause ist der Süden. Das werden wir ja sehen.

Und dann wird´s ernst. Julie kommt in den Norden. Und der Norden in ihrem Kopf hat nichts zu tun mit dem Norden im Norden. Nichts mit dem Norden in seinen Erzählungen. Zeit der Offenbarung. Zeit der Wahrheit. Zeit des Schmerzes.

Filmszene: 1:12:55 – 1:15:54 Bekenntnis

Traurig. Die gastfreundlichen Fremden erleben wie der fremde Freund von ihnen gesprochen hat. Traurig. Aber die Sch´tis wären nicht die Sch´tis, wenn sie nicht eine richtig gute Antwort hätten. Das Vorurteil wird lebendig! Ab in die Mine verstecken spielen. Besser dort als im wirklichen Leben!

Und die Einsicht bricht sich Bahn: Da wollte ich mich jahrelang an die Cote d´Azur versetzen lassen um meine Ehe zu kitten und hier am nördlichsten Zipfel kommt alles ins Lot. Was soll ich jetzt machen? Sie will nicht mehr aus dem Loch da raus. Wiescho sagst Du ihr nicht die Wahrheit! Aber nein, meine Frau liebt mich, da wird ich doch nicht alles versauen und die Wahrheit sagen! Das ist feige. Ich bin nicht feige! Na sicher, deine Frau liebt dich und du sie auch. Dann sei auch ehrlich zu ihr wie ein Sch´ti. Sei ehrlich.

Am Ende wird die Wahrheit ein Thema. Die Wahrheit, von der Jesus sagt, dass sie uns frei macht (Joh 8,31). Antoine wird frei: Er springt über seinen Schatten und spricht Klartext mit seiner Mutter – aus Liebe zu Annabelle. Phillipe wird frei: Er tritt heraus aus dem Lügengebäude, droht alles zu verlieren und gewinnt am Ende alles. Um uns wieder zu finden haben wir uns getrennt, oder? Ja. Gelenkte Schritte. Gute Wege.

Liebeserklärung unterm Glockenturm. Es findet zusammen was zusammen gehört. Es gab viel zu lachen. Über die Vorurteile und die Blüten, die sie getrieben haben. Am Ende möchte man eher ein wenig weinen, winseln. Mit den Menschen, die sich gefunden haben. Auf Umwegen. Lange Zeit verunsichert von der Wahrheit, aber am Ende doch ehrlich, echt, wahrhaftig.

Der Aufbruch hat sich gelohnt. Auch wenn es in die falsche Richtung ging. Das gelobte Land liegt nicht im Süden und nicht im Norden. Es liegt in der Selbsterkenntnis und dem Mut zur Wahrheit. Ein Land der Gastfreundschaft und der Güte. Ein Land der Freiheit und der Weite. Und auch wenn der Film dazu schweigt, die Filmpredigt muss das nicht: Das gelobte Land ist Gottes Land voller erlöster, befreiter, wahrhaftiger Menschen. Zur Not auch bei 40 Grad minus!
Le Carillon d´Antoine ð CD Nr. 10 Amen