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labyrinth der wörterPredigt: „Das Labyrinth der Wörter“ (Jes. 55, 9-11)

Liebe Gemeinde,

Weißt du wie viel Sternlein stehen? Ein wunderbares Lied. Der weite Kosmos und meine kleine Welt werden da zusammen gesungen, zusammen gebracht, zusammen gedacht. Und die Klammer die alles zusammen hält ist Gott. Gott, der Herr, rief sie mit Namen, dass sie all ins Leben kamen. Gott im Himmel hat an allen seine Lust, sein Wohlgefallen, kennt auch dich und hat dich lieb.
Nicht schlecht. Auch das ist eine Litotes. Grandios! Die Welt ist nicht zu groß als dass ich nicht noch wichtig sein könnte. Unvergessen. Bedacht. Geliebt. So spricht der Herr, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen: Du bist mein!

Ach ja. Gott der Herr, hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet. Germain Chazes zählt auch. Die Tau-ben im Park. Der grobe ungebildete Klotz. Mit der ungehobelten Sprache. Er zählt die Tauben. Sie auch: Margueritte. Mit zwei „t“, weil Schreiben nicht so des Vaters Ding war. Die zerbrechliche alter Dame. Die gebildete Frau. Mit der wunderbar sanften Stimme und den wohl gewählten Worten.
Zwei Welten treffen aufeinander. Sie lebt im Garten der Wörter, ist in ihnen zu Hause. Er verheddert sich im Labyrinth der Wörter und so viele sind ihm fremd. So unterschiedlich die Beiden äußerlich sind, so unterschiedlich sind sie im Wesen. Was der Film erzählt ist die Ge-schichte einer Annäherung. Es findet zusammen, was eigentlich nicht zusammen passt. Geben und Nehmen kommen in einen guten Rhythmus. Und ein paar nette Worte entkommen dem Labyrinth und finden den Weg ins Herz von Germain Chazes und von dort in die Kneipe – man könnte auch sagen ins Leben.
Germain gibt den Tauben Namen. Der Name macht uns besonders. Seine Mutter nennt ihn nie beim Namen. Er ist etwas. Ein Volltrottel. Ein lästiges, dummes Nichts. Ein Blödmann: Nichts als Ärger hat man mit ihm – freundlich ausgedrückt. Und dann hat man sowas da am Hals: Das isst, das kostet, das ist schmutzig. Die Vergangenheit, die nicht vergangen ist, sondern sich festgesetzt hat. Chazes mit dem Kopf in der Vase.

Das ist anders als: Kennt auch dich und hat dich lieb. Ganz anders. Und dort auf der Parkbank hört er den Gegenentwurf zu dem, was er erlebt hat: Ich bin das Kind einer Liebesgeschichte – wie alle Menschen! Das trifft. Das legt Germains Sicht auf sein Leben frei: Nein, nicht wie alle Menschen, manche entstehen aus Versehen.
Diese Sicht legen ihm die Erlebnisse der Kindheit in den Rückblenden ebenso nahe wie das, was seine Freunde ihm zu verstehen geben. Wie viel Demütigung verträgt ein Leben? Wie viel Entwürdigung? Wie viel Worte, die verletzen und irgendwann nichts mehr übrig lassen von Selbstvertrauen, Selbstachtung und Liebe zu sich selbst? Monsieur Chazes steckt mit dem Kopf in der Vase. Ich glaube ich kenne das Problem von Monsieur Chazes, in seinem Kopf fehlt eine Tasse. Ich denke es ist mehr als nur eine Tasse. Habe ich Recht Monsieur Chazes?

Seinen Namen schreibt er auf das Denkmal für die Ge-fallenen. Immer und immer wieder. Mit schwarzem Edding. Eine tiefe Symbolik. Er ist auf eine andere Art genauso tot wie sie. Der Tod lässt sich verstehen als voll-kommene Beziehungslosigkeit. Und ich denke, das ist nah dran an Germain Chazes. Seinen Vater kennt er nicht. Seine Mutter lässt keine Beziehung zu. Sie behandelt mich wie ein Nichts. Sie ist Niemand. Seine Kumpels nehmen ihn als Idioten. Höchstens noch Annette. Und die Katze. Was ist das Leben? Was macht es kostbar und wertvoll? Wann wird aus Leben erfülltes Leben? Kann man am Ende lebendig tot sein?

Biblisch darf man klar sagen: Es gibt kein wirkliches Leben ohne Beziehung. Ohne Gottesbeziehung. Das Johan-nes-Evangelium unterscheidet sehr fein zwischen dem biologischen Leben, dem Innenleben – der Seele – und dem Leben, das auf Gott bezogen ist im Vertrauen. Erst dieses Leben ist wirkliches Leben. Verbunden mit der Quelle des Lebens. Und so der Zeit ganz gegenwärtig in den Beziehungen, die dem Vertrauen entwachsen. Der Beziehung zu den Menschen und zu mir selbst.

Der Taubenzähler und die Taubenzählerin finden auf der Parkbank einen gemeinsamen Ort. Nette Dialoge. Haben Sie keine Arbeit? Doch, sogar mehrere, aber ich habe auf Pause gedrückt. Oder die Sackratte, die in keinem Wörterbuch steht. Etwas derb, das mag sein, aber brillant wie die beiden Welten zu kommunizieren beginnen! Und dann Sätze wie: Kommen Sie oft hierher? Fast jeden Tag den der Herrgott werden lässt. Hier das Leben als Geschenkt – dort das Leben als Last.

Filmszene: 26:50-28:40 [Margueritte & Germain I]

Sie liest. Er hört zu. Die Pest von Camus. Und nun haben wir die Pest in 10 Tagen gelesen. Sie haben gelesen. Nein, glauben Sie das nicht, Germain, Sie sind ein ausgezeichneter Leser. Lesen bedeutet auch zuhören! Und dann bekommt er das Buch geschenkt: Wir sind auf der Welt um Dinge weiter zu geben. Sind wir das? Nicht um Dinge zu haben? Sondern um Dinge zu bekommen – wie Geschenke oder geliehen – um sie weiter zu geben? Bücher und Gefühle? Vielleicht hat die Pest mehr damit zu tun wie wir nehmen und geben als wir denken. Vielleicht.

Aber Germain hat etwas, das anderen abgeht. Der Bär ist wohl ungelenk in seiner Sprache, aber sehr sensibel. Er schaut nicht weg als die Wirtin Francine traurig ist. Klar, er hätte besser nicht den alten Simca als Beispiel ge-nommen. Aber immerhin: Er fühlt mit! Und Francine entdeckt etwas an ihm, das die anderen nicht sehen: Schluss jetzt. Germain ist nicht dümmer als ihr. Außerdem ist er viel netter.
Es ist ein wenig wie mit Marguerittes Tasche auf der Parkbank. Die könnte geklaut werden. Bei dem was da drin ist? Das steht aber nicht drauf! Steht auf einem Menschen drauf, was in ihm steckt? Wer er ist? Was er liebt und woran er leidet? Es steht nicht drauf. Kann es nicht hin und wieder geradezu etwas Erlösendes heben, was Psalm 139 erinnert: Herr, du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne.

Guy de Maupassant. Sein Kumpel Landremont macht ihn immer wieder in der Kneipe lächerlich. Wer ist Guy de Maupassant? Sowas wie der Guide Michelin. Was für ein Volltrottel. Dieser Volltrottel. Aber Germain küm-mert sich nachts als Landremont aus lauter Trauer über den Tod seiner Frau fast verzweifelt. Wie du mir so ich dir sieht anders aus!

Und dann sein Garten. Da ist er ganz bei sich. Er kennt mehr Tomatensorten als sein Wörterbuch. Du hättest Gärtner werden sollen. Oder Kirchenfenstermacher: Kirchenfenstermacher wollte ich werden! Das große Glasfenster in der Kirche. Das Spiel aus Farbe und Licht. Der Kindheitstraum. Kirchenfenstermacher. Und was schlägt ihm der Lebenspartner seiner Mutter vor: Glasschälchenmacher! Nichts verstanden.

Aber Garten geht auch ohne Gärtner. Der Garten ist ein altes Motiv für einen Raum, in dem das Leben blühen und sich entfalten kann. Nicht umsonst setzt Gott den Menschen am Anfang als alles sehr gut war in einen Gar-ten. Ein paradiesischer Ort. Dort kommt Germain zur Ruhe. Dort kommt der Spott zur Ruhe. Dort kann er sein, der er ist.

Und dort im Garten spricht er auch mit seiner Katze, der stummen Freundin, die so geduldig zuhört. Lesen ist kompliziert. Dir kann ich´s sagen, du verarschst mich nicht. Weißt du, du liest ein Wort und verstehst es auch, ein das nächste und das dritte auch. Nur das Problem ist: Jetzt hast du die Worte zusammen, aber nichts zu machen, der Sinn bleibt wirr. Ist wie eine Handvoll Schrauben und Muttern, die du in eine Kiste wirfst. Ver-stehst du? Es ist nur einfach für die, die wissen wie´s geht.

Und bei Margueritte fühlt er sich wie im Garten. Kein Spott. Kein Volltrottel. Angenommen. Ein Mensch, der ihn Mensch sein lässt. Und in diesem Angenommensein geht es in die Tiefe der Selbsterkenntnis: Das mit dem Wörterbuch ist wie wenn man einem Kurzsichtigen eine Brille gibt. Man sieht so viel. Sieht all die Schwachpunk-te, sieht die Fehler. Man sieht sich selbst. Ich habe versucht was mit Ihnen zu lernen, aber das tut weh. Davor war´s besser im Unscharfen im Einfachen.

Geht es uns nicht gelegentlich mit den alten Worten der Bibel genau so? Wo wir uns auf sie einlassen beginnen sie zu leuchten. Leuchten uns aus. Leuchten hinter die Fassaden. Leuchten sanft. Man sieht sich selbst. Das tut weh. Man sieht sich im Licht der freundlichen Zuwendung Gottes. Das tut gut!
Wenn sie nicht mehr lesen kann liest du ihr vor!

Filmszene: 1:02:33-1:04:10 [Margueritte & Germains II]

Nicht übel die Oma, oder? Wunderbare Sätze sagt sie zu Germain. Wertschätzend begegnet sie ihm in seiner An-dersartigkeit. Sie sind ein ganz besonderer Mensch, Germain! Und ihr charmantes Lächeln nach Wortwechseln wie: Sie haben ein exzellentes auditives Gedächtnis. Nein, nein, ich kann mir nur gut merken, was ich höre!
Vieles wäre noch zu sagen. Die drei Frauen: Mutter, Margueritte und Annette. Der Tod der Mutter: Heulend wie ein Hund kehrt man zurück an das Grab der Mutter. Die Schatzkästchen, das endlich das Geheimnis um den Vater lüftet: Das sind meine Eltern! Das Haus zum Garten, das Heimat wird für die Oma und die Kinder. Die „Save-the-World-T-Shirts” und die chassidische Weisheit: Wer einen Menschen rettet, hat die ganze Welt gerettet! Aber wir müssen mit dem faszinierenden Labyrinth ja heute nicht fertig werden.
Germain hat gelesen. Die neue Sprache hat ihn verändert. Eberhard Jüngel hat gesagt: Die Grenzen unserer Sprache sind die Grenzen unserer Welt. Germain bricht auf ins Weite: Sie hatte einen Blumennamen. Sie lebte inmitten von Worten, umgeben von Adjektiven, von Verben, die wachsen wir Gräser. Manche wachsen mit aller Gewalt. Sie sind sanft gewandert von meiner Rinde ins Herz. In Liebesgeschichten gibt es nicht nur Liebe. Manchmal gibt es nicht einmal ein Ich-liebe-dich – und doch liebt man sich.
Der neue Germain. Die alte Liebesgeschichte: Kennt auch dich und hat dich lieb.

Amen

EG 656,1-3 [Wir haben Gottes Spuren festgestellt]