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sommer in orangeGottesdienst am 27.01.2013 (Sonntag Septuagesime)

Kirchenkino I: Film: Sommer in Orange

Schriftlesung: Mt 9,9-13 (= Evang.)

Lieder: EG 55; 708 Ps 19; 409 WL; 555; 342; 652

Liebe Gemeinde!

Sommer in orange – ob das jetzt eine rein erfundene Geschichte gewesen sei, oder ob das wirklich so war – wollte unsere mittlere Sohn Lutz wissen, nachdem er neulich zufällig dazu gekommen war, als ich mir diesen Film nochmals im Blick auf heute angeschaut hatte. Klar – Jahrgang 86 – da war die Baghwan-Welle schon durch. Aber die Filmautoren haben sie selber erlebt, sind selber in so einer Sanyassin-Kommune in der Nähe Münchens aufgewachsen. Als unser Mittlerer dann Anfang der 90er Jahre in den Kindi ging, da lief niemand mehr in orangenen halb durchsichtigen Flatterkleidchen und Latzhosen herum. 15 Jahre vorher schon – möglicherweise nicht gerade hier in Altenriet, aber in der Tübinger Mensa schon, oder auf der Neckarinsel dort, oder am K’furter oder Gönninger Badesee, wo frau natürlich „oben ohne“ badete, damals. Und wo frau dann den Polizisten, die etwas peinlich berührt vorbeikamen und meinten, die Spaziergänger hätten sich beschwert, ob sie nicht vielleicht doch das Oberteil wieder…; genau das antworteten, was im Film an dieser Stelle ja auch kam: …. Dann sollen sie halt woanders hin schauen… Keine Frage, für Menschen meiner Generation weckt dieser Film so manche Erinnerung (deshalb so viel gelacht….). Der Film hat ja auch viel komödiantisches, comedy-haftes. Aber wie wirkt das alles für die Jüngeren …. – die keine so direkten Erinnerungen haben? Eine andere Zeit? Eine andere Welt?

In der Tat: da prallen wirklich zwei Welten aufeinander; ziemlich ungebremst, die so überhaupt nicht zusammen passen. Daraus bezieht der Film ja gerade ein gut Teil seiner Komik: Berlin und Bayern, Großstadt und Land, antiautoritäre Kinderläden und ein gestandener Frontalunterricht, der Herrgottswinkel im Klassenzimmer und das obligatorische Vaterunser zum Unterrichtsbeginn – Urschrei und freies Tanzen in der freien Natur mit freien Oberkörper – da kann man schon mal Stilaugen kriegen. Aber – ist das shcon die ganze Freiheit???

Obwohl – wie weit liegen die Welten denn wirklich auseinander? Haben nicht beide Welten ihre Regeln, und schauen ziemlich stur auf deren Einhaltung? Die eine wie die andere? Die orangene Lilli und ihr kleinerer Bruder – die wirken in der Tat ziemlich deplaziert in der braven bayrischen Schulklasse. Aber ist die dirndltragende Lilli in der Sanyassin-Kommune nicht genau so deplaziert? Beide Welten haben ihre je eigenen Rituale – und die werden, bitteschön!, gefälligst auch eingehalten; und zwar von allen. Und wenn da eine/r aus der Rolle fällt, dann wird es ziemlich schnell ziemlich ungemütlich; hüben wie drüben, in der einen wie in der anderen Welt.

Schauen wir zur Probe noch mal in das Initiationsritual der Sanyassins hinein – und denken dabei an unser christliches Initiationsritual: die Taufe. Da liegen Welten dazwischen – wirklich? Ein neuer Name, Mantra und Taufspruch, Berührung und Handauflegen – ist das wirklich so weit auseinander?

Szene (27 – 29) ….

Aufbrüche/Durchbrüche – das ist mir als Titel, als Brückenschlag zwischen Film und Gottesdienst eingefallen. Und wir könnten gleich ergänzen: Ausbrüche und Einbrüche – die gab es doch auch zuhauf. Ausbrüche, wie z.B. dieser Siddharta, gleich nach der Ankunft im bayrischen Dorf, wie er sich klammheimlich in die Dorfmetzgerei schleicht und nach ein paar Frankfurtern verlangt – pardon: Wienerle, wie sie hier im Süden der Republik heißen; und dazu der augenzwinkernde Metzger. Urmenschliche Bedürfnisse brechen da auf, brechen ein, brechen durch – und ganz gegen den ideologischen Überbau! Und plötzlich ist da auch eine Ebene, auf der sich die beiden sich so fremden Welten treffen – augenzwinkernd eben. Ausbrüche gibt es nicht – oder vielleicht doch?

Es brechen da noch ganz andere Gefühle auf; Gefühle, die es in der heilen neuen Welt der Sanyassin-Kommune eigentlich gar nicht geben dürfte (und übrigens in der alten Welt der christlichen Religion eigentlich auch nicht…). Eifersucht z.B. – die kann sich mächtig Bahn brechen. V.a. in der Szene beim Dorffest, wo alte und neue Welt, alte und neue Religion sich mächtig vermischen. Da gibt es die Ebene der Ideologie, hüben wie drüben übrigens – und dann gibt es die Gefühle die darunter liegen, die nicht so leicht sichtbar sind; und die trotzdem da sind, die sich nicht verdrängen lassen. Zarte Gefühle, wenn sich z.B. die Augen des biederen jungen Postboten mit den Augen der soeben aus dem indischen Ashram zurückgekehrten und immer noch leicht entrückten Baghwan-Anhängerin treffen; und es bleibt ja keineswegs bei einem romantischen Blicketausch! und deshalb gibt es auf der anderen Seite, bei anderen, z.B. bei dem, der sich als ihr eigentlicher Partner versteht, auch Gefühle des Verletztseins, denn eigentlich ist sie ja mit ihm zusammen, Grenzen der freien Liebe und Gefühle der Rache „...dem könnte ich eins in die Fresse hauen …“ – und dann geschieht es ja tatsächlich, auf diesem Dorffest; entlädt sich, und ganz entgegen der soeben verkündeten Botschaft der Liebe. Der Widerspruch zwischen dem, was wir im Kopf haben, und dem was unsere eigentlichen Gefühle und Bedürfnisse sind, die wir uns vor lauter neuer Religion gar nicht eingestehen wollen oder dürfen.

Oder auch die Baggerszene; die müssen wir uns nochmal anschauen. Diese so herrlich schwäbelnde Sanyassin-Schülerin, die plötzlich wieder mit zwei Füßen auf dem Boden stehen kann, sich auf ihre ganz handfesten Kenntnisse besinnen kann, und damit die Angreifer in die Flucht schlägt – mit deren eigenen Waffen: das ist der Trick; und der hat schon einmal funktioniert. „Wer unter euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein….“, hatte Jesus den Gesetzeslehrern gesagt, die jene Frau vor ihn geschleppt hatten – wieso eigentlich nut die Frau???, die sie beim Ehebruch erwischt hatten... Keiner hatte den ersten Stein geworfen. Diese Geschichte in der Bibel ist das sehr viel ernstere Gegenstück zu der sehr komödiantischen Filmszene

Szene 48,45 – 51,30 ….

Die Komik in vielen Filmszenen scheint mir auch damit zusammen zu hängen, dass die Welten so fabelhaft verdreht sind: die Kinder sind so ungewohnt erwachsen – denken wir an die Schulszene, wie die Lilli der Lehrerin Paroli bietet und für einen Moment die allzu geordneten Autoritätsverhältnisse einfach wegwischt, so dass der Lehrerin buchstäblich die Spucke wegbleibt. Die Kinder – so erwachsen; Und auf der anderen Seite sind die Erwachsenen so ungewohnt kindisch; dieses völlig unkritische Anhimmeln des Gurus z.B. Oder gleich am Anfang, wie die Erwachsenen auf dem neuen Bauernhofherumtollen – wie die Kinder….

Wer oder was ist eigentlich normal? In diesen verdrehten Filmwelten? Als eine ziemlich normale Person, eine der wenigen unverbogenen Figuren im Film, ist mir z.B. die Bürgermeistersfrau erschienen – z.B. als sie die in Strümpfen über die Landstraße fortlaufende Lilli (in diesen zur Tracht gehörenden Schuhen kann man ja wirklich nicht laufen!!!!da tun einem ja die Füße weh! also Schuhe aus und strümpfig; Hauptsache weg!) in ihr Auto und in ihre Arme nimmt. Es gibt echte und aufgesetzte Gefühle; es gibt wahre und falsche Bedürfnisse. Und die wahren Bedürfnisse, so scheint mir, erkennt man daran, dass sie die ganz einfachen und elementaren sind: Butter aufs Brot z.B. - wenn der Kühlschrank wieder mal leer ist…; überhaupt mal ein Brot, irgendetwas zum Essen, wenn ich Hunger habe; das Bedürfnis, dazu gehören zu wollen; anerkannt zu werden; das Bedürfnis, von jemanden in den Arm genommen zu werden, wenn es mir nicht gut geht, und ich nicht weiter weiß. Ist das nur Regression, wenn ich – verletzlich und verletzt, wie ich bin – einfach nur gestreichelt werden will?

Wahre und falsche Bedürfnisse, und es gibt auch so etwas wie einen unverbogenen „gesunden Menschenverstand“ (aber den gibt es selten…) – ich sehe noch einmal den Jungen in Lillis Zimmer, den großen, nicht den Sohn des Bürgermeisters; - der von Lilli einen ganz speziellen Lohn für seine „Dienst“leistungen einfordert (wie die Alten sungen bzw über den Gartenzaun schielten, so zwitschern auch die Jungen; oder woher hat dieser Junge sein verschrobenes Bedürfnis, woher kennt er denn so gut schon das eiserne Grundgesetz des kapitalistischen Tauschens: ich geb’ dir was, aber ich will auch was von dir…), und wie es in ihr dann bebt und sie ihm schließlich eine Riesenohrfeige verpasst: denn was der Junge von ihr fordert, ist ungehörig. Lilli – das Mädchen! - hat ein ganz gesundes Gefühl, was da aus ihr durchbricht! Ob jedoch das, was bei der „Urschreitherapie“ aus den Erwachsenen ausbricht, auch wirklich die wahren Gefühle und Bedürfnisse sind????

Eine letzte Szene würde ich noch gerne mit Ihnen genauer anschauen: die Szene mit dem Katzenjammer nach dem großen Krach auf dem Dorffest, und nach der Polizeirazzia, in der in der Kommune ziemlich viel kaputt gegangen ist. – und?: wer ist nun schuld daran?

Szene …..

Lilli erscheint mir in dieser Szene ganz groß, ganz erwachsen; sie hat wirklich eine Entwicklung durchgemacht.

Wie sie hier mit der Schuldfrage umgeht, das ist ganz und gar erwachsen – erwachsener als viele Erwachsene in dem Komödiantischen dieses Filmes dargestellt sind. Da bricht etwas ur-menschliches auf. Lilli, die zwischen diesen beiden fremden Welten hin- und her gewandert ist; und nirgends hingehört; und nicht weiß, wer sie ist, ich meine: in Wirklichkeit ist. Nicht das orangene Mädchen, nicht das Dirndlmädchen, sondern …

Ich denke, so müssen auch die Begegnungen mit Jesus gewesen sein. In der Begegnung mit Jesus erfahren die Menschen etwas zu tiefst Wichtiges für sie; was sie so bei keinem Anderen hätten erfahren können: wer sie sind, wer sie in Wahrheit sind, und wer sie deshalb wahrhaftig werden sollen und – in der Begegnung mit Jesus – auch tatsächlich werden dürfen. Zu sich selber kommen; und – was für mich gleichbedeutend wäre: zu Gott zurückkommen, ganz in Gott zu sein. Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch – so lautet ja unser christliches Bekenntnis; zu Epiphanias haben wir es neu lernen können, in den Texten der Schrift, denen wir um das Erscheinungsfest herum begegnen können. Vielleicht denken wir in unserer Kirche viel zu sehr über das „Christus als wahrer Gott“ nach. Und vielleicht sollten wir uns noch viel intensiver fragen, was das eigentlich heißt: wahrer Mensch zu sein. Wahrer Mensch – und nicht verbogener Mensch. Wahrer Mensch, mit seinen echten, wahren Bedürfnissen – nicht mit den falschen, aufgesetzten, die einen auch so verführbar machen; für jedwede Religion und für jedweden Guru, der seine Geschäfte mit unseren Bedürfnissen machen will.

Wahrer Mensch: Ich meine den Jesus, von dem die Evangelien erzählen: … und er sah die vielen Menschen, die zu ihm kamen; und das Volk jammerte ihn …

Ich denke konkret z.B. als eine echte wahre menschliche Begegnung an diese Geschichte mit dem Gelähmten am Teich Bethesda. 38 Jahre hatte er da schon gelegen, ganz hinten; 38 Jahre hat er darauf gewartet, dass ihn jemand vorbringt, wenn das Wunder vorne geschieht, wenn ein Engel die Wasser des Teiches bewegt. Manchmal ist das Wasser ja tatsächlich bewegt worden, in diesen 38 Jahren, ob durch einen Engel – wer weiß? Aber keiner ist gekommen, ihm zu helfen. Stets war jemand Anderes schneller. Und dann kommt Jesus zu ihm, ganz nach hinten – während alle nach vorne starren und auf das Wunder warten. Und sagt: Hör auf zu warten; es wird wohl auch im 39. Jahr keiner kommen; und auch nicht im 40., 41. Jahr usw.

Ich aber bin zu dir gekommen und ich sage dir; jetzt!: Steh auf! Steh auf, jetzt, und nimm dein Bett und geh! Jetzt! Jesus – wahrer Mensch: ganz bei sich, ganz bei dem Anderen in seiner Not, ganz bei Gott. Alles drei in Einem.

Aufbrüche – Durchbrüche. Über alles Komödiantische in unserer ach so lächerlichen Menschenwelt: Aufbrüche, Durchbrüche, auf der Suche nach dem wahrhaft Menschlichen. Manchmal.

Und das wären dann die wahren Sternstunden.

Amen.

Szenenwechsel von den berliner-bayrischen Sanyassins zu unserem evangelischen Gesangbuch: Das Lied passt jetzt glaube ich wirklich ganz gut: Ein Licht geht uns auf, in der Dunkelheit…