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Die Kinder des Monsieur MathieuGottesdienst am 03.02.2013 (Sonntag Sexagesimae)

Kirchenkino II: Film „Die Kinder des Monsieur Mathieu“

Schriftlesung: Lk 8,4-8 (= Evang.)
Lieder: EG 444; 702 Ps 1; 182,1-6; 447,1-3.6-8; 419 + Kanon

Filmsequenz zum Orgel-Vorspiel EG 444: Violette in der Sonne 62.40 – ca 63.00

Liebe Gemeinde!

I. au fond de l’etang – oder: alles Looser, oder was?

Das Internat trägt seinen Namen völlig zu Recht: fond de l’etang – der Grund des Tümpels. Dieser Abschaum, diese Ausgeburt der Schwarzen Pädagogik. Action? – reaction! – d.h.: geschlagen, zurückgeschlagen wird - sehr schnell und sehr hart. Diskutiert - wird nicht. Und damit ist der Teufelskreis der Gewalt für die nächste Runde eröffnet: action? – reaction! Schlimm nur für die, die ganz unten stehen in der Hierarchie der Schläger: z.B. der kleine Pepignan, etwas kleiner als alle anderen; und gerade deshalb kann man sich an ihm schadlos halten. Pepignan, mit seinen ständig zuckenden Mundwinkeln. Er hat keine Chance! Und für ihn gibt es niemanden drunter mehr, den er treten könnte, an dem er sich schadlos halten könnte. Und sein Essen kriegt er von den andern nur, wenn er seinen Sous bezahlt; jedes Mal beim Essen. So ist das, in der Hackordnung dieser kleinen Welt am Grund des trüben Tümpels.

Alle sind sie hier die Looser: nicht nur die Jungen, wie herrenloses Strandgut hier angespült von den Wellen des grade zu Ende gegangenen Weltkrieges. Der kleine Pepignan z.B., der jeden Samstag am Tor wartet, dass ihn sein Vater abholen wird, wird niemals begreifen, dass der Vater nicht kommen wird, nie kommen wird, weil er nicht mehr kommen kann, weil er zu den vielen Opfern dieses Krieges zählt. Und so die anderen wohl auch: jeder hat so seine Geschichte; und es sind alles Opfergeschichten. Aber nicht nur die Zöglinge dieses Internats, die seltsamerweise doch noch mit „Sie“ angeredet werden – und die Realität dieser Anstalt spricht dieser Anrede Hohn. Sondern auch die Lehrer – gestrandet hier. Endstation. Looser – auch sie. Auch der Direktor, dessen Schreckensregiment ja nur vertuscht, wer er in Wahrheit ist. Einer geht; immerhin: einer schafft den Absprung, schwer lädiert, an Körper und wohl auch an der Seele; aber noch einmal davon gekommen; wohin auch immer; wer weiß? Und an seine Stelle – immerhin eine Stelle, und damit eine bessere Alternative zur grassierenden Arbeitslosigkeit! – an seine Stelle also in diese Welt am Grund, am Abgrund, kommt nun Monsieur Mathieu. Und so, wie er an diesem grauen Tag, durch das graue Eisengatter, den grauen Weg entlang, auf das graue Gemäuer zugeht, fragt man sich unwillkürlich, ob hier noch einer kommt, den das Leben aus Versehen vergessen hat…

Er bekommt auch gleich seine erste Lektion, dieser neue Lehrer: zuerst von seinem neuen Direktor, der ihm die Spielregeln der Schwarzen Pädagogik augenfällig demonstriert; und so, dass die Lektion auch wirklich sitzt; und dann auch von seiner neuen Klasse, die er betritt – pardon: in die er hineinstolpert. Das totale Chaos!

Und so geht alles seinen gewohnten Gang: action- reaction und die Spirale der sich fortschraubenden Gewalt. Wirklich? – oder kommt mit dem neuen Monsieur Mathieu nicht von Anfang an auch ein neuer Ton in dieses Chaos au fond de l’etang hinein? Wer erwischt wird, wird bestraft. Was ein Glück für Monsieur Mathieu, dass ihm sein entfliehender Vorgänger noch den entscheidenden Tipp gegeben hatte. Aber wie, wenn die Strafe eine – Wiedergutmachung beinhaltet? Schauen wir uns diese Sequenz ziemlich am Anfang des Filmes noch einmal an: …. 13.10 – 15.50

Von Täter-Opfer-Ausgleich reden wir heute an dieser Stelle – als der weitaus besser geeigneten Erziehungsmaßnahme, im Vergleich zu den Methoden der dort praktizierten Schwarzen Pädagogik. Warum besser? Weil hier nicht, ausschließlich rückwärts gewandt, Vergeltung für Geschehenes geübt wird – „Auge um Auge, Zahn um Zahn….“ – sondern weil hier, vorwärts gerichtet auf das, was werden soll und noch nicht ist, so etwas wie Heilung des Zerstörten angestrebt wird. Und zwar – und das ist das Entscheidende: wird diese Heilung, in der Pflege des verletzten Hausmeister Maxenge ganz handfest erlebt. Vom Übeltäter selber. Zeit heilt – so - Wunden, auch bei dem Auge dieses gütigen Hausmeisters. Und Liebe kann diesen Heilungsprozess durchaus beschleunigen. Das allerdings! ist neu – in dieser Welt des Internats.

II. Violette – oder der Umgang mit Enttäuschungen.

Violette ist die Mutter, die allein Erziehende! – von Pierre Morhange. Den wir gleich zu Anfang, vor der Rückblende, auf seinem beruflichen Höhepunkt als Stardirigent, der er geworden ist, kennen gelernt haben. Violette ist die graue Maus, als Allerwelts-Bedienung im Allerwelts-Café, womit sie sich das Geld für sich und für ihren Jungen erarbeitet. Und für manche ist Violette auch der Sonnenschein in einer all zu grauen Welt. Für Mathieu z.B. Der sich – heimlich! – in sie verliebt – so heimlich, dass er selbst es kaum wahrnimmt, und auch Violette nichts davon merkt. Sie dankt ihm ganz überschwänglich für alles, was Monsieur Mathieu für ihren Jungen getan hat – und, weiß Gott: was hat der Monsieur nicht alles getan, um das Naturtalent des Jungen zu seiner künstlerischen Höhe zu entwickeln!; hat sie nicht allen Grund zu dieser überschwänglichen Dankbarkeit?!? Aber das Andere, das auch da ist – das übersieht sie dabei ganz. Stattdessen möchte sie gerne Mathieus Segen für Ihr Glück – für das Glück mit dem Anderen. Für Mathieu hat sie diese Dankbarkeit – aber nicht mehr; und nichts Anderes. Nicht das, was Mathieu sich heimlich erhofft hätte – das hat sie nicht für ihn. Und so bleibt Mathieu eben allein – mit sich und mit seiner heimlichen Sehnsucht. Es wird wohl keine Zweite Violette mehr kommen, nicht für ihn. Schauen wir uns diese Sequenz noch einmal an… 68.40 – 70.41

Ja, wirklich eine Tragik. Niemand hat hier Schuld. Violette kann ja gar nichts dafür, dass sie sich nicht in Mathieu verliebt hat, sondern in diesen Anderen, mit dem sie nun glücklich werden will. Und genau so wenig kann Mathieu dafür, dass er sich in sie verliebt hat. Übrigens kann Pierre ja auch nichts dafür, dass er ein solches Naturtalent ist – er ist es halt; und Mathieu hat es entdeckt, und hat es entwickelt. Pädagoge, pai(d)s-agogos im allerbesten Wort-Sinne: einer, der die Kinder führt, nämlich auf den richtigen Weg, den Weg ins Leben. Und keinesfalls: ver-führt – wovon wir heute ja, leider Gottes, viel zu viel reden müssen: von den Ver-führern der Kinder, von den Kinder- mißbrauchern.

Wie gehen wir mit den Ent-täuschungen unseres Lebens um? Mit der Tragik des Lebens – damit daraus keine Tragödien entstehen, mit Mord und Totschlag – oder, wie gesehen! – mit Brandstiftung – als der allerletzten action/reaction des Geschlagenen, vom Leben geschlagenen Jungen aus der Psychiatrie? Monsieur Mathieu nimmt sich vornehm zurück; nobel überlässt er dem Anderen das Feld der Liebe. Er verschwindet: aus dem Internat, aus dem Leben, und zum Schluß bleibt lediglich noch die Erinnerung an ihn, in Form dieses herumirrenden Tagebuches, das Pierre Morhange, der inzwischen erfolgreiche Stardirigent, und Pepignan zusammen lesen, der inzwischen auch nicht mehr der kleine, mundwinkelzuckende Pepignan ist, auf dem alle herumhaken, der tatsächlich an einem Samstag von einem Menschen abgeholt worden ist, draußen am Eisengatter vor dem Internat, von einem Menschen, als wäre er sein Vater. Von Mathieu nämlich, der in mitgenommen hat in ein anderes Leben. Und daraus wohl auch wieder verschwunden ist.

III. coming out – oder das wahre Gesicht.

Der Sportlehrer, der aus den Jungen den Stolz der Nation herausdrillen, herauspfeifen und herausprügeln will, ändert sein Gesicht, und wird zum heimlichen Komplizen des Chorleiters, als der in den Untergrund gehen mußte. Der völlig vertrocknete Mathe-lehrer blüht am Klavier plötzlich wieder auf. Auch das durch den Dummen-Jungen-Streich blutig entstellte, ursprünglich doch so gütige Gesicht des Hausmeisters Maxenge wird wieder heil und bleibt gütig wie ehedem. Die Jungen verändern sich, bekommen durch die Musik Haltung und Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein. Pierre verändert sich vom Kotzbrocken des Internats zum gefeierten Künstler. Pierres Mutter verändert sich von der grauen Maus zur schönen, weil glücklichen Frau. Alle verändern sich – und auch der Direktor zeigt sein wahres Gesicht. Schauen wir uns sein coming-out noch einmal an: 81.00 – 83.51

Also auch er bleibt nicht auf seinem Posten, auch er muß das Internat verlassen. Und das ist auch gut so. Wie es mit ihm weitergeht, und ob sich dieser verkrüppelte Knotenmann noch innerlich entwickelt, verrät uns der Film nicht. Auch was mit dem Jungen aus der Psychiatrie noch weiter wird, erfahren wir nicht – wir befürchten allenfalls Schlimmstes. Das Internat wird wohl nicht mehr aufgebaut werden, nach dem Brand; und das ist auch gut so – es hat wirklich keine Fortsetzung verdient. Von Pierre wissen wir um seine erfolgreiche Karriere – wir gönnen sie ihm von Herzen. Dass Violette, seine Mutter glücklich geworden sei, mit diesem Anderen, das möchten wir gerne hoffen (obwohl wir an dieser Stelle dem Film vielleicht gerne ein anderes Drehbuch gegeben hätten). Aber wohin Monsieur Mathieu geht, nachdem er aus dem Internat gefeuert worden ist, - das bleibt offen. Am Ende ist es ja nur ein abgebrochenes Tagebuch – und das ist vielleicht schon viel!

Coming out – wer weiß schon, was wirklich drinsteckt? Und was sich entwickeln könnte? Sehen lernen, sehen können, auch das, gerade das, was eben nicht vor Augen liegt, was nicht offensichtlich ist. Sehen können, was nicht ist, was noch nicht ist, was aber werden könnte: Wie war das doch mit diesem Feigenbaum, den einer in seinen Weinberg gepflanzt hatte. Und nun, drei Jahre später, wollte er kommen, und schauen, was gewachsen ist, und wollte die Früchte ernten. Und da war nichts. Rein gar nix! Also: weg damit! Umhauen! Umlegen! Hat ja doch keinen Wert und keinen Nutzen. Raubt nur Anderem und Anderen Zeit und Kraft. Nein, sagt der besonnene Weingärtner: nicht umhauen. Halt, warte! Gib ihm noch eine Chance; auch nur eine letzte Chance. Es ist zwar nichts – aber es könnte ja etwas werden. Warte noch ein Jahr; und lass mich machen – ich will mich um ihn kümmern. Und wenn dann immer noch nichts wird, immer noch keine Früchte – dann, ja dann ist ja immer noch Zeit, ihn rauszureißen.

Denn es ist noch nicht offenbar, was wir sein werden. Wirklich nicht. Also warten wir doch; geben wir die Zeit; ganz aktiv und mit brennender Geduld. Es sind mehr verborgene Talente, als wir vielleicht ahnen, in uns selber, und im Anderen vielleicht auch, im Leben selbst, und auch in Gott, oder nicht?

Amen.