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Heute bin ich blondGottesdienst am 16.02.2014 (Sonntag Septuagesime)

Kirchenkino I: Film: "Heute bin ich blond"

Schriftlesung: Pred. 3,1-13

Lieder: EG 452,1.2.5; 715 Ps 30; 626; 655; 635

Liebe Gemeinde!

Der Anfang ist wie der Schluss: Silvesternacht, Silvesterparty, ausgelassene Stimmung, Abtanzen bis zur Erschöpfung, Alkohol natürlich auch und nicht zu wenig, Feuerwerk, Sektanstoßen, Umarmungen, Küsschen links Küsschen rechts, Glückwünsche: auf ein gutes neues Jahr!!! Und los geht’s. Weiter geht’s.

Ein Jahr nur liegt dazwischen: am Anfang ist Sophie 21 Jahre, am Schluss ist sie 22 Jahre. Und wieder knallen die Sektkorken. Am Anfang studiert sie schon – irgendwie, irgendwas, keine Ahnung, muss ja auch nicht gleich in Arbeit ausarten. Hamburger Vorstadt, Einfamilienhaus, nicht zu klein, allerbeste Verhältnisse, Papa, Mama, Schwester, Großbürgertum, und schnell mal nach Antwerpen rüber, shopping mit der Freundin. Geld ist einfach da, muss man kein Wort drüber verlieren. Leben, jetzt, und hier, und sofort, genießen, feiern, Beziehungen, Sex, klar! – aber gut muss er sein! Heute hier, morgen dort.

Am Schluss studiert sie immer noch, oder schon wieder; ihr Freund ist immer noch ihr Freund, wenn auch nur noch das, und nicht mehr der Partner, so mit allem drum und dran, mit allem Ausflippen, mit aller Ekstase. Das tut schon auch weh; aber so ist es halt, und das Leben geht weiter; und sooo übel ist seine neue Flamme ja gar nicht. Nur-Freundschaft ist auch gut; halt ein bisschen anders als Sex zu haben miteinander. Aber auch gut.

Ja – das Leben geht weiter. Bei Sophie geht es weiter. Nicht bei Chantal. Chantal, die ein kleines bisschen älter ist als Sophie. Chantal, mit ihren schwarzen Haaren, ihrem schicken Kurzhaarschnitt, Chantal hat ihre Diagnose schon ein bisschen früher gekriegt als Sophie. Sie kennt sich schon aus mit den Abläufen im Krankenhaus, auf der Krebsstation, als Sophie dazu kommt. Chantal – sie wird wieder zurückkommen auf die Krebsstation im Krankenhaus. Sophie auch, sie wird auch wieder zurückkommen. Aber im neuen Jahr als Besucherin, nicht als Patientin. Glückliche Sophie und arme Chantal.

Ein Jahr in der Hölle, ein Jahr zwischen sprödem Krankenhausalltag und dem Zug nach draußen, in die Sonne, zwischen Spritzen und Tabletten, Kernspin und Röntgen, ein Jahr zwischen Hoffen und Bangen. Ist es wirklich ein realistisches Bild, dass es in der Hölle so viele freundliche Menschen gibt, dass all diese Folterwerkzeuge einem ja nur helfen wollen; so viel Vorsicht und Verständnis, soviel Hilfe und ja!- auch Spaß. Einen Blues tanzen im kalten Neonlicht dieses schrecklich langen Krankenhausganges!?

Sophie ist am Ende dieses Jahres immer noch Sophie; die gleiche noch und doch auch eine andere, eine veränderte. Ein Jahr älter jetzt; ein Jahr gereifter; auf eine Art gereift, die sie sich weder erträumt noch erwünscht hätte. Das Leben, das ja zum Genießen da sei (vor allem anderen), hat etwas mit ihr gemacht. Sie hat die Rollen des Lebens neu kennengelernt, mit jeder neuen Perücke auf ihrem kahl rasierten Kopf eine andere Seite, eine andre Möglichkeit des Lebens. A ha! So ist das; so geht das. Das Leben ausprobieren; Probieren zu leben; denn: es könnte ja auch anders sein, ganz anders.

Dabei hat alles so klitzeklein angefangen; gleich nach der ersten Silvesterparty, ja eigentlich schon auf dieser Party. Am Anfang war das bloß so ein kleines Hüsteln. Aber - es kam immer wieder.

Und dann kam der Arzt, kam eine Untersuchung und noch eine Untersuchung. Und dann kam das Ergebnis der Untersuchungen. Dann kam die Diagnose. Dann kam der Therapievorschlag. Dann kam das Krankenhaus, das Sophie bisher wahrscheinlich nur von außen, vom Hörensagen her gekannt hatte. Und dann sind sie ausgegangen; die Haare.

Schauen wir uns diese Filmsequenz noch einmal an: 36.10 – 39.05

Der Krebs ist eine Herausforderung, ist ein Kampf. Es geht um Leben und Tod, um nichts weniger. Sophie hat die Herausforderung angenommen. Zwangsläufig. Nicht freiwillig. Sie hat sich das nicht herausgesucht – woher auch! Es ist gekommen; einfach so; ungefragt, gekommen, eingebrochen in ihr Leben; in ihr bis dato so unbeschwertes, und so junges Leben. Aber wenn es schon so ist; dann eben: ganz oder gar nicht. Später wird Sophie sagen: das ist mein Krebs; ich muss mit ihm leben; und es ist meine Aufgabe, wieder gesund zu werden. Und Chantal, die Freundin, die Lotsin in den tristen Krankenhausalltag hinein, wird zu ihr sagen: Du musst deinen Weg selber finden; du darfst dich nicht von deiner Angst verrückt machen lassen. Ja, das wird sie, ihren Weg finden. Und nein, das wird sie nicht: sich verrückt machen lassen; nicht von ihrer Angst.

Sophie ist mutig; zwangsläufig. In ihren jungen Jahren: mutig. Chantal ist klug, trotz ihrer jungen Jahre; notwendigerweise weise geworden. Und es ist eine ganz warme Klugheit; eine weise Klugheit, in der man sich bergen kann. Sie wird sie durchhalten; Chantal. Und sie wird sogar noch einmal leidlich gut aussehen, am Ende, mit Sophies neckischer Haarperücke auf ihrem kahlen Schädel. Während Sophie mit ihren kurzen Stoppeln schon wieder wie das blühende Leben ausschaut.

Aber selbstverständlich sind sie nicht; alles anders als das: nicht der Mut, nicht die Klugheit, nicht die Weisheit. Sie kommen – aber sie kommen nicht von alleine. Aber wenn sie da sind, helfen sie ungemein zum Leben. Aber selbstverständlich sind sie nicht. Schauen wir uns deshalb noch einmal die Sequenz mit dem alten Mann in der Flucht des Krankenhausflures an: 47.46 – 49.30

Glück gehabt? Wirklich??? Der Alte hat sein Leben gelebt; da kommt nicht mehr viel; und unter diesen Umständen schon gleich gar nicht mehr. Aber Sophie ist jung. Und hat das Leben noch vor sich, das der andere schon hinter sich hat. Sie wird sich im Vorübergehen mit einem Blick von ihm verabschieden, wenn sie – überglücklich wie sie dann sein wird – das Krankenhaus schnellen Schrittes verlässt. Und er wird ihr nachwinken, aus seinem Rollstuhl; und er wird lächeln dabei. Wegen ihr; nicht wegen sich.

Begegnungen – auf der Schneide des Lebens.

Eine andere Begegnung auf dem Krankenhausflur möchte ich mit Ihnen noch mal Revue passieren lassen: Sophie kommt soeben aus der Sprechstunde ihres Arztes; es war keine schlechte Nachricht, die er ihr gegeben hatte. Die Bilder aus dem Kernspin waren gut; aber noch nicht gut genug. Und draußen wartet der Junge, er wird der nächste sein; mit seiner Wollmütze auf dem Kopf, die er hier, auf dem Krankenhausflur eigentlich gar nicht braucht, denn frieren am Kopf muss er ja hier nicht wirklich … Sequenz 76.15 – 77.38.

Im Psalm 8 gibt es diesen einen Satz: … aber was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?... Aber den optimistischen, lebenszugewandten Blick dieses 8. Psalmes in der Bibel teilt dieses uralte Kindergesicht keineswegs. Es sieht ganz und gar nicht danach aus, dass es glücklich angenommen ist.

Aber Sophie hat ihren unbedingten Lebenswillen. Sie hat ihn, nicht anders als sie auch ihre Krankheit hat. Beides ist da: der Krebs und ihr Wille zum Leben. Und beides ist unerklärlich; das eine wie das andere. Es könnte – beides! – ja auch anders sein. Aber es ist so, wie es ist. Sie hat die Krankheit, und sie hat den Mut, mit ihr, gegen sie zu kämpfen, die doch ein Bestandteil ihres Lebens geworden ist.

Wenn es für Sophie so etwas wie ein „Jenseits“ gibt, dann wäre das das Jenseits zu ihrer Krankheit: dass es da noch ein Leben geben muss. Jenseits, nach ihrer Krankheit. Und das Leben nach ihrer Krankheit würde sich gar nicht so sehr von ihrem Leben vor ihrer Krankheit, vor dieser höllischen Diagnose unterscheiden. Und doch ist es ein anderes Leben; denn sie hat den Tod gestreift. Und diese Berührung verändert sie.

Und dann kommt die gute Nachricht: die Bilder aus dem Kernspin zeigen – sie zeigen nichts mehr. Sie zeigen: Der Krebs ist verschwunden. Das ist die gute Nachricht – auf griechisch : das Evangelium. Und tatsächlich: diese Sequenz im Film, die leeren, weißen Lücken im Kernspinbild, wo vorher das inoperable Krebsgeschwür gehockt ist – das hat mich unwillkürlich an die Geschichte vom leeren Grab erinnert. Und in der unfasslichen Freude, die allen ins Gesicht geschrieben stand: dem Arzt, dem Pfleger und heimlichen Komplizen, den Eltern, der Schwester, dem Freund usw. – da höre ich den Ruf aus der Osternachtsliturgie: er ist auferstanden; wahrhaftig er ist auferstanden. Unerklärlich; das eine, wie das andere. Aber geschehen. Und das Leben wird ein anderes sein; jetzt; danach.

Bleibt uns, Chantal nicht zu vergessen. Sophie hat sie ja auch nicht vergessen. Sie, Chantal, ist die andere Seite des Lebens; sie ist die andere Sophie, die Sophie ja auch sein könnte. Und das verschweigt uns der Film nicht. Diese Szene hat mich ungemein angerührt; sie ist nicht sentimental; alles andere als das. Aber echt; und voller Gefühl. Ohne diese Szene würden wir uns vor lauter Leben-Wollen darüber hinwegtäuschen, dass das Leben auch ein ständiges Abschiednehmen ist; und dass wir unsere Abschiede an uns heranlassen müssen, wenn wir unser Leben wirklich gewinnen wollen, und nicht vor der Zeit verlieren wollen. Sequenz 98.20 – 101.18

Eine ganze Reihe von Liedern könnte ich Ihnen aus unserem Gesangbuch nennen, die wir jetzt eher nicht singen können; nicht jetzt, wenn diese Szene wirklich einen Teil des Lebens eingefangen hat. Was mein Gott will, gescheh allzeit… Herr, wie du willst, so schick’s mit mir…, Wer nur den lieben Gott lässt walten…., Gib dich zufrieden und sei stille…., Was Gott tut, das ist wohlgetan…., Ich steh in meines Herren Hand… So nimm denn meine Hände… Lauter schöne Melodien, lauter tröstliche Texte! Aber stimmen sie hier wirklich?

Ein Zitat hätte ich allenfalls gefunden im EG; es findet sich bei dem Lied 383: Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst. Aber das stammt von Ernst Bloch - und nicht aus unseren christlichen Traditionen. Das steht auch in unserem Gesangbuch; aber singen können wir das auch nicht.

So bin ich schließlich hängen geblieben an dem Lied „Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt … ist das nicht ein Fingerzeig, dass das Leben bleibt“. Wenn wir in der 3. Strophe für dieses Mal bei dem Wort „Krieg“ das Wort „Krebs“ mitdenken – und die Krebskrankheit ist ja wirklich so etwas wie ein Krieg, der in unseren Körpern ausgefochten wird… Vielleicht sind wir dann ganz dicht dran an dem, was wir gesehen haben: EG 655 … dass der Mandelzweig schon wieder blüht – mitten im Winter…. Amen.