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Die HerzlosenGottesdienst am 23.02.2014 (Sonntag Sexagesimae)

Kirchenkino II : Die Herbstzeitlosen

Schriftlesung: Mt 6,27-34
Lieder: EG 444; 732 Ps 71; 398; 432; 394

Liebe Gemeinde!

Die Herbstzeitlosen – blühen, wenn der Sommer vorüber ist, wenn die Schatten länger und die Tage kürzer werden; blühen noch ein bisschen, und dann werden auch sie vergehen; wie alles vergehen wird.

Soll ich überhaupt eine Predigt zu diesem Film machen? Ich meine: im Film selber gibt es ja genug Kirche und Gottesdienst da wird genug und kräftig gepredigt und aufmerksam der Predigt gelauscht, wie sich das für einen anständigen Heimatfilm gehört. Und die Kamera schaut den braven Leuten in den Gottesdienstbänken direkt ins Gesicht, schaut weiter, wohin sie hinschauen und verlängert ihre Blicke, und die Botschaften ihrer Blicke – Wie im richtigen Leben – wir könnten also doch einfach die entsprechenden Szenen noch einmal laufen lassen und hätten dann schon unseren Gottesdienst, hätten dann schon unsere Predigt.

Im Film geht’s zu wie im richtigen Leben – im Emmental natürlich, nicht in Altenriet. Oder vielleicht schon ein bisschen auch Altenriet. Es wäre doch einmal sicherlich ganz spannend, die verschiedenen Typen im Dorfleben des Film-Emmentales im Dorfleben des tatsächlichen Altenriet zu identifizieren: who is who? Wer wäre so eine hiesige Martha, so ein hiesiger Fritz, so eine hiesige Lissi, Hanni, Shirley usw. (die Nebenrollen nicht zu vergessen, die sind ja auch wichtig!). Nur dass dort im Film-Emmental vielleicht der Gottesdienst noch etwas besser besucht ist – als in Real-Altenriet, die Glocken noch ein bisschen kräftiger läuten, die Wiesen noch ein bisschen grüner und die Berge noch ein bisschen höher sind, die Luft vielleicht ein bisschen reiner und würziger... Und man, nein frau trägt sogar noch Tracht, zumindest in einem bestimmten Alter; aber auch nicht mehr alle. Aber sonst ist doch eigentlich alles wie bei uns: die Kirche steht mitten im Dorf, der Friedhof liegt nicht viel weiter, es wird gelebt und wird gestorben, und ab und zu gibt es ein großes Dorffest, der Gesangverein singt, und der Omnibus fährt morgens in die große Stadt, und der Pfarrer heißt auch Walter – allerdings mit dem Vornamen; im Film!

Und trotzdem können wir die Filmpredigt vom Filmpfarrer Walter hier nicht einfach abspulen. Denn diese Filmpredigt ist falsch. Und das wissen der Drehbuchautor, der sie geschrieben hat, und der Filmregisseur, der sie in Szene gesetzt hat, am allerbesten. Das wissen auch manche der Film-Gläubigen in den Kirchenbänken nur allzu gut, ihre Blicke, ihre Gesten verraten sie – auch wenn sie beim Verabschieden auf der Kirchenschwelle das natürlich nicht sagen. Sondern da bedanken sie sich artig für die Predigt, und loben sie, weil es sich halt so gehört; und manchen gelingt auch ganz gut der entsprechende Augenaufschlag und das dazugehörige Timbre in der Stimme. Und der Filmpfarrer ist’s denn auch zufrieden.

Warum ist die Predigt falsch? Nicht weil der Filmpfarrer Walter die Bibel falsch zitieren würde, nicht weil er sie falsch auslegen würde. Ein bisschen arg traditionell, zugegeben, ist er; ein bisschen arg konservativ geht er mit ihr um. Aber das allein wäre noch nicht sein Fehler. Sondern weil er das gepredigte Wort gebraucht wie eine Keule. Weil er dem Gotteswort seine eigene Moral unterschiebt. Und dabei ganz genau weiß, auf wen er diese Keule richten will; auf wen er die anklagenden Blicke seiner ihm ausgelieferten Zuhörer lenken will. Er hält im Film eine Kreuzzugspredigt – und deshalb ist sie falsch.

Nehmen wir also den ganzen Film in unseren Blick!:

Die Alten, die mit einem Fuß schon im Jenseits stehen, brechen im Diesseits noch einmal ganz neu zu ungeahnten Ufern auf, während die Jungen mit ihrer verhockten und vertrockneten, altbachenen Moral am lebendigen Leben vorbei leben; und das noch nicht einmal merken. Von diesem verdrehten Rollentausch lebt ja die ganze charmante Komik dieses Filmes.

Aber rabiat können sie werden, diese uralten Jungen, geradezu gewalttätig, gegen die wieder jugendlich gewordenen Alten: der Fritz, der als schleimiger Stimmenfänger seiner Heimatpartei den Menschen im Altenheim Honig ums Maul schmiert (und die ihm trotzdem nicht auf den Leim gehen…); und der zuhause seine eigenen alten Eltern lieber heute als morgen in eben diesem Altenheim sehen würde, weil er lieber alleine auf dem heimatlichen Hof schalten und walten will und weil sie ihm immer mehr im Weg stehen. Oder Walter, der Pfarrer, der seine Mutter Martha endlich wieder zur Räson bringen zu müssen glaubt, und mit Hilfe seiner Bibelgruppe wieder Ordnung im Haus schaffen will. Angesichts solch wildentschlossener Durchsetzungskraft sehen unsere vier frühlingsfühligen Herbstzeitlosen ziemlich alt und ziemlich hilflos aus; zunächst.

Szene 50,40-52,50

Nur auf den ersten und recht oberflächlichen Blick begegnet uns in diesem Film-Emmental eine heile Welt, in der Gott seine Sonne aufgehen lässt über Böse und Gute, und regnen lässt über Gerechte und Ungerechte.

Der zweite Blick – und es ist wahrlich kein Zufall, warum es gerade ein Dessous-Geschäft ist, was da den Stein des Anstoßes bietet – Der zweite Blick, der eben auf das Darunter geht, offenbart in dieser kleinen Heilheit etwas ganz anders: drunter geht es nämlich wirklich drüber und drunter. Drunter – da wird getäuscht und gelogen, da wird hintergangen und ausgestochen. Drunter – da ist der wirkliche Sumpf. Und drüber, an der Oberfläche, ist der die scheinbare Ordnung scheinbar störende Faktor – ein Laden, der nicht mehr abgelaufene vertrocknete Lebensmittel sondern topaktuelle Dessous verkauft – in Wirklichkeit vielleicht bloß ein verführerisch-bezaubernder Blickfang, ein ästhetischer Hingucker; und wirklich bloß das – und damit alles andere als der Ausbund einer verkommenen Moral.

Wie kommt es zu diesem Aufbruch der Herbstzeitlosen? Eigentlich ist der Film ja zu Ende, bevor er überhaupt angefangen hat: Hans ist tot, und Martha sitzt alleine da, deckt aus purer Gewohnheit immer noch zweimal Messer und Gabel, und auch die Serviette mit dem von ihr selbst gestickten Namenszug des Verstorbenen. Da deutet eigentlich nichts mehr auf Aufbruch, ja überhaupt auf irgendwie Leben hin. Endstation. Und Seitenhieb (so empfinde ich es!) auf unsere Veranstaltung: der süßliche Trost aufs Jenseitige, wenn es denn schon eine Einbahnstraße ist, die hinüberführt, dann eben auch selber auf ihr dem Verflossenen nach zu fahren. Denn die umgekehrte Richtung gibt es nicht.

Und – braucht es auch nicht zu geben.

Dieser Aufbruch der Herbstzeitlosen - das hat etwas mit der Unterwelt des Darunter zu tun. Denn zu diesem Drunter gehört ja nicht nur die heimliche männlich besetzte und dominierte Herrschsucht, die sich in so rabiaten Aktionen Ausdruck verschafft. Zu dieser verborgenen Unterwelt gehören ja auch ganz zuckersüße Sachen; gehört ja gerade auch das ungelebte Leben, gehören auch die unerfüllt gebliebenen Träume, die versagten Wünsche, die im Alltag schon längst entschwundenen und vergessenen Entwürfe und Pläne eines ganz anderen Lebens.

Schauen wir uns noch einmal die Szene an, wie dieses verschüttete, ungelebte Leben bei Martha aufbricht; wie das einen fast schon manischen, süchtigen Zug bekommt. Da beginnt etwas zu leuchten, - in ihren Augen ist es zu sehen, in der Hast ihrer Hände ist es zu spüren - was fast schon verloschen war. „Es“ geschieht, „es“ bricht durch, bricht auf; Herbstzeitlosen im Frühling – was für ein Widerspruch! Und welch ein Einspruch gegen den natürlichen Gang der Dinge!

Szene 15.05 – 17.45

Es ist merk-würdig (und das macht diesen Film geradezu zu einem Klassiker!): die aus Tradition und Moral und Ordnung-weil-es-schon-immer-so-gewesen-ist-und-deshalb-auch-immer-so-bleiben-wird so hand-fest zementierte Welt der einen zerbröselt haltlos; und diese so zerbrechliche Welt der bloßen Möglichkeiten erweist sich als realer und wirklichkeitsmächtiger als jene: sie bringt das Leben aus sich hervor.

Lissis Traum von Amerika ist realer als die dürftige Realität eines beschaulichen Emmentales, realer als die ernüchternde, weil nackte Wahrheit einer Sitzen-gelassenen. Von diesem Traum hat sie gelebt; er war ihre Welt, ihr Leben; ein ansteckendes Leben, voller unbändiger Energien und Kräfte, Lebensfreude und Lebenszugewandtheiten, wenn auch voller Klischees (und deshalb nur allzu leicht durchschaubar). In dem Moment, wo Walter – und hier ist er alles andere als ein Pfarrer, nämlich Hirte und Seelsorger! Hier ist er bloß ein Ego, das seine eigenen uneingestandenen Machtgelüste auslebt – In dem Moment also, wo Walter Lissis so wirklichkeitsmächtigen Traum zersticht, platzen lässt wie eine Seifenblase, in dem Moment ist Lissis reales Leben am Ende. Und vier rosarote Rosen stecken in der feuchten Erde auf ihrem Grab.

Schauen wir uns noch einmal den Leichenschmaus an, wie die verbliebenen drei Herbstzeitlosen der vierten im Kleeblatt nach-reden und nach-denken:

Szene 64.45 – 66,14

Verlassen wir damit unsere Herbstzeitlosen wieder. Sie sind ja nur ein Film; ein Heimatfilm. Aber was für einer! Ich denke doch: einer, der uns verführt zum Heimisch-werden, nicht in dieser Welt, in der wir sind, sondern heimisch werden im Reich des Möglichen, in dem ja auch unsere Möglichkeiten verborgen sind, nicht wirklich schon gelebt, aber sie sind schon da. Nur eben: noch nicht wirklich.

Heimat – ich kenne keine schönere, keine klassischere Stelle dazu, als den Schlussgedanken von Ernst Blochs Prinzip Hoffnung. Lassen Sie mich diese Stelle lesen; es liegt ihr ja soviel gutes biblisches Urgestein zu Grunde:

…Der Mensch lebt noch überall in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor Erschaffung der Welt, als einer rechten. Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfaßt und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.

Ernst Bloch – und ich denke wohl: das wäre dann die bessere Predigt gewesen. Amen.